Ew Wohlgeb.
ergebenster Dr
Goethe

Aus Briefen
von
Cornelie Goethe.

Cornelia Goethe.

Nach Goethes Zeichnung

Während der Vorbereitungen zur Goethefeier kam in Leipzig eine Anzahl Briefe von Cornelie Goethe an eine ihrer Jugendfreundinnen zum Vorschein, welche in dem Nachlasse der letzteren unbeachtet da gelegen hatten. Goethes Äußerung über seine Schwester: „Nur durch das genaueste Detail, durch unendliche Einzelnheiten, die lebendig alle den Charakter des Ganzen tragen und, indem sie aus einer wundersamen Tiefe hervorspringen, eine Ahnung von dieser Tiefe geben; nur auf solche Weise hätte es einigermaßen gelingen können, eine Vorstellung dieser merkwürdigen Persönlichkeit mitzutheilen: denn die Quelle kann nur gedacht werden, insofern sie fließt“[176] — mußte zu Mittheilungen und Auszügen aus diesen Briefen auffordern; sie hier zu geben lag um so näher, als sie sich auf die Zeit beziehen, aus welcher Goethes hier mitgetheilte Briefe größtentheils herrühren. Sind es gleich nur kleine Züge, die wir hier gewinnen, so machen sie uns doch das Bild seiner so innig geliebten Schwester und der Verhältnisse, unter welchen sie lebten, klarer und bestimmter.

Die Freundin, an welche diese Briefe gerichtet sind, hieß Katharine Fabricius, war eine Tochter des fürstl. Leiningschen Raths und Syndicus Fabricius in Worms, und wurde später an einen Kaufmann Welcker in Leipzig verheirathet. Sie war im Sommer 1767 in Frankfurt bei einer Cousine zum Besuch gewesen und mit Cornelie bekannt geworden, die sich sehr verlassen fühlte; ihr Bruder war in Leipzig, von den Freundinnen, die uns diese Briefe kennen lehren, stand keine ihrem Herzen nahe: so schloß sie sich an diese neue Freundin an und eröffnete nach ihrem Fortgehen einen lebhaften Briefwechsel mit ihr. Gleich in dem ersten Brief spricht sie ihre Betrübniß aus, daß sie sie fortreisen lassen mußte ohne ihr Herz ganz vor ihr öffnen zu können, ohne ihr von einer traurigen Zeit Kunde zu geben, in welcher sie von Unruhe und Kummer gequält, von thörichten Wünschen gepeinigt war, auf welche sie endlich verzichtet und dadurch Ruhe ihrer Seele gewonnen hat: nun soll der Briefwechsel dies ersetzen.