XXXVIII.
Ew. Wohlgeb.
erhalten hiebey eine geringe Ausbeute, der ersten beiden Buchstaben meiner Handschrift Sammlung, damit ich vorläufig meinen guten Willen beweise. Diese vier Briefe haben wenigstens das Interesse, daß man in gewiße Zeiten, Zustände und Charaktere hineinsieht, von denen wir kaum mehr einen Begriff haben. Bodmers Hand zu entziffern möchte wohl die größte Schwierigkeit seyn, doch ist es interessant genug zu sehen welche Bücher man damals zu lesen anrieth. Finden sie diese Blätter einer Abschrift zu künftigem Gebrauche werth, so erbitte sie mir sodann zurück. Ich gehe die Sammlung nach und nach durch und sende mehr vielleicht auch Bedeutenderes.
Weimar
den 27. May.
1819.
Mit aufrichtigen Wünschen
danckbar anhänglich
J W Goethe
XXXIX.
Sie haben mich, theurer, trefflicher Mann, mit immer gleichem Schritt und unverwandter Gesinnung durchs Leben begleitet und mich, der ich so viele Mißklänge von außen zu vernehmen hatte, stets mit reiner, wahren, ächten Theilnahme erfreut, daß ich sehr undankbar sein müßte wenn ich nicht eine darbietende Gelegenheit ergriffe, meinen Dank endlich auszusprechen. Nehmen Sie daher im Ganzen freundlich auf, was Ihnen im Einzelnen zusagte[272] und gedenken mein jetzt und künftig in Geist und Liebe.
Lassen Sie mich noch eine Bemerkung hinzufügen welche einem alten Autor wohl ziemen mag. Es giebt dreierley Arten Leser: Eine, die ohne Urtheil genießt, eine dritte, die, ohne zu genießen urtheilt, die mittlere die genießend urtheilt und urtheilend genießt; diese reproducirt eigentlich ein Kunstwerk aufs neue. Die Mitglieder dieser Classe, wozu Sie gehören, sind nicht zahlreich, deshalb sie uns auch werther und würdiger erscheinen. Ich sage nichts Neues, Sie haben hierüber gleichfalls erfahren und gedacht.
Leben Sie recht wohl und seyen meinen Kindern freundlich, wenn sie auf ihrer Rückreise von Berlin[273] in Leipzig verweilen sollten wovon ich noch keine gewisse Nachricht habe.