Doch hierüber vereinigte man sich ebensowenig als über das herrliche Bild der Transfiguration, welches man in dem zunächst gelegenen Kloster gleich darauf anzustaunen Gelegenheit fand. Da war denn des Redens viel; der stillere Teil jedoch ärgerte sich, den alten Tadel von doppelter Handlung wiederholt zu sehen. Es ist aber nicht anders in der Welt, als daß eine wertlose Münze neben einer gehaltigen auch immer eine gewisse Art von Kurs behält, besonders da, wo man in der Kürze aus einem Handel zu scheiden und ohne viel überlegung und Zaudern gewisse Differenzen auszugleichen gedenkt. Wundersam bleibt es indes immer, daß man an der großen Einheit einer solchen Konzeption jemals hat mäkeln dürfen. In Abwesenheit des Herren stellen trostlose Eltern einen besessenen Knaben den Jüngern des Heiligen dar; sie mögen schon Versuche gemacht haben, den Geist zu bannen; man hat sogar ein Buch aufgeschlagen, um zu forschen, ob nicht etwa eine überlieferte Formel gegen dieses übel wirksam könne gefunden werden; aber vergebens. In diesem Augenblick erscheint der einzig Kräftige, und zwar verklärt, anerkannt von seinen großen Vorfahren, eilig deutet man hinauf nach solcher Vision als der einzigen Quelle des Heils. Wie will man nun das Obere und Untere trennen? Beides ist eins: unten das Leidende, Bedürftige, oben das Wirksame, Hülfreiche, beides aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend. Läßt sich denn, um den Sinn auf eine andere Weise auszusprechen, ein ideeller Bezug aufs Wirkliche von diesem lostrennen?
Die Gleichgesinnten bestärkten sich auch diesmal in ihrer überzeugung; "Raffael", sagten sie zueinander, "zeichnete sich eben durch die Richtigkeit des Denkens aus, und der gottbegabte Mann, den man eben hieran durchaus erkennt, soll in der Blüte seines Lebens falsch gedacht, falsch gehandelt haben? Nein! er hat wie die Natur jederzeit recht, und gerade da am gründlichsten, wo wir sie am wenigsten begreifen."
Eine Verabredung wie die unsrige, einen flüchtigen überblick von Rom sich in guter vereinigter Gesellschaft zu verschaffen, konnte nicht ganz, wie es wohl der Vorsatz gewesen, in völliger Abgesondertheit durchgeführt werden; ein und der andere fehlte, vielleicht zufällig abgehalten, wieder andere schlossen sich an, auf ihrem Wege dieses oder jenes Sehenswürdige zu betrachten. Dabei hielt jedoch der Kern zusammen und wußte bald aufzunehmen, bald abzusondern, bald zurückzubleiben, bald vorzueilen. Gelegentlich hatte man freilich gar wunderliche äußerungen zu vernehmen. Es gibt eine gewisse Art von empirischem Urteil, welches seit längerer Zeit zumal durch englische und französische Reisende besonders in den Gang gekommen; man spricht sein augenblickliches unvorbereitetes Urteil aus, ohne nur irgend zu bedenken, daß jeder Künstler auf gar vielfache Weise bedingt ist, durch sein besonderes Talent, durch Vorgänger und Meister, durch Ort und Zeit, durch Gönner und Besteller. Nichts von allem dem, welches freilich zu einer reinen Würderung nötig wäre, kommt in Betrachtung, und so entsteht daraus ein gräßliches Gemisch von Lob und Tadel, von Bejahen und Verneinen, wodurch jeder eigentümliche Wert der fraglichen Gegenstände ganz eigentlich aufgehoben wird.
Unser guter Volkmann, sonst so aufmerksam und als Führer nützlich genug, scheint sich durchaus an jene fremden Urteiler gehalten zu haben, deswegen denn seine eigenen Schätzungen gar wunderlich hervortreten. Kann man sich z. B. unglücklicher ausdrücken, als er sich in der Kirche Maria della Pace vernehmen läßt?
"über der ersten Kapelle hat Raffael einige Sibyllen gemalt, die sehr gelitten haben. Die Zeichnung ist richtig, aber die Zusammensetzung schwach, welches vermutlich dem unbequemen Platz beigemessen werden muß. Die zwote Kapelle ist nach des Michael Angelo Zeichnungen mit Arabesken geziert, die hoch geschätzt werden, aber nicht simpel genug sind. Unter der Kuppel bemerkt man drei Gemälde, das erste stellt die Heimsuchung der Maria von Karl Maratti vor, ist frostig gemalt, aber gut angeordnet; das andere die Geburt der Maria vom Kavalier Vanni, in der Manier des Peter von Cortona, und das dritte den Tod der Maria von Maria Morandi. Die Anordnung ist etwas verwirrt und fällt ins Rohe. Am Gewölbe über dem Chor hat Albani mit einem schwachen Kolorit die Himmelfahrt der Maria abgebildet. Die von ihm herrührenden Malereien an den Pfeilern unter der Kuppel sind besser geraten. Den Hof des zu dieser Kirche gehörigen Klosters hat Bramante angegeben."
Dergleichen unzulängliche, schwankende Urteile verwirren durchaus den Beschauer, der ein solches Buch zum Leitfaden erwählt. Manches ist denn aber auch ganz falsch, z. B. was hier von den Sibyllen gesagt ist. Raffael war niemals von dem Raume geniert, den ihm die Architektur darbot, vielmehr gehört zu der Großheit und Eleganz seines Genies, daß er jeden Raum auf das zierlichste zu füllen und zu schmücken wußte, wie er augenfällig in der Farnesine dargetan hat. Selbst die herrlichen Bilder der "Messe von Bolsena", der "Befreiung des gefangenen Petrus", des "Parnasses" wären ohne die wunderliche Beschränkung des Raumes nicht so unschätzbar geistreich zu denken. Ebenso ist auch hier in den Sibyllen die verheimlichte Symmetrie, worauf bei der Komposition alles ankommt, auf eine höchst geniale Weise obwaltend; denn wie in dem Organismus der Natur, so tut sich auch in der Kunst innerhalb der genausten Schranke die Vollkommenheit der Lebensäußerung kund.
Wie dem aber auch sei, so mag einem jeden die Art und Weise, Kunstwerke aufzunehmen, völlig überlassen bleiben. Mir ward bei diesem Umgang das Gefühl, der Begriff, die Anschauung dessen, was man im höchsten Sinne die Gegenwart des klassischen Bodens nennen dürfte. Ich nenne dies die sinnlich geistige überzeugung, daß hier das Große war, ist und sein wird. Daß das Größte und Herrlichste vergehe, liegt in der Natur der Zeit und der gegeneinander unbedingt wirkenden sittlichen und physischen Elemente. Wir konnten in allgemeinster Betrachtung nicht traurig an dem Zerstörten vorübergehen, vielmehr hatten wir uns zu freuen, daß so viel erhalten, so viel wiederhergestellt war, prächtiger und übermäßiger, als es je gestanden.
Innenansicht von St. Peter. Gouache von Desprez
Die Peterskirche ist gewiß so groß gedacht und wohl größer und kühner als einer der alten Tempel, und nicht allein was zweitausend Jahre vernichten sollten, lag vor unsern Augen, sondern zugleich was eine gesteigerte Bildung wieder hervorzubringen vermochte.
Selbst das Schwanken des Kunstgeschmackes, das Bestreben zum einfachen Großen, das Wiederkehren zum vervielfachten Kleineren, alles deutete auf Leben und Bewegung; Kunst—und Menschengeschichte standen synchronistisch vor unseren Augen.