Es ist nicht zu leugnen, daß der Geist sich durch die Reformation zu befreien suchte; die Aufklärung über griechisches und römisches Altertum brachte den Wunsch, die Sehnsucht nach einem freieren, anständigeren und geschmackvolleren Leben hervor.
Sie wurde aber nicht wenig dadurch begünstigt, daß das Herz in einen gewissen einfachen Naturstand zurückzukehren und die Einbildungskraft sich zu konzentrieren trachtete.
Aus dem Himmel wurden auf einmal alle Heiligen vertrieben und von einer göttlichen Mutter mit einem zarten Kinde Sinne, Gedanken, Gemüt auf den Erwachsenen, sittlich Wirkenden, ungerecht Leidenden gerichtet, welcher später als Halbgott verklärt, als wirklicher Gott anerkannt und verehrt wurde.
Er stand vor einem Hintergrunde, wo der Schöpfer das Weltall
ausgebreitet hatte; von ihm ging eine geistige Wirkung aus, seine
Leiden eignete man sich als Beispiel zu, und seine Verklärung war das
Pfand für eine ewige Dauer.
So wie der Weihrauch einer Kohle Leben erfrischst, so erfrischst das
Gebet die Hoffnungen des Herzens.
Ich bin überzeugt, daß die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, d. h. je mehr man einsieht und anschaut, daß jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit—und Ortsverhältnissen einen eigenen, besondern, unmittelbar individuellen Bezug gehabt hat.
Genau besehen haben wir uns noch alle Tage zu reformieren und gegen andere zu protestieren, wenn auch nicht in religiösem Sinne.
Wir haben das unabweichliche, täglich zu erneuernde, grundernstliche
Bestreben: das Wort mit dem Empfundenen, Geschauten, Gedachten,
Erfahrenen, Imaginierten, Vernünftigen möglichst unmittelbar
zusammentreffend zu erfassen.
Jeder prüfe sich, und er wird finden, daß dies viel schwerer sei, als man denken möchte; denn leider sind dem Menschen die Worte gewöhnlich Surrogate; er denkt und weiß es meistenteils besser, als er sich ausspricht.
Verharren wir aber in dem Bestreben: das Falsche, Ungehörige, Unzulängliche, was sich in uns und andern entwickeln oder einschleichen könnte, durch Klarheit und Redlichkeit auf das möglichste zu beseitigen.