Späterhin wird auf dem grünen Rasen in der Nähe des Orchesters getanzt. Die Damen, welche hier tanzen, mögen freilich wohl nicht die unbescholtensten sein. Schwerlich würde sich in London ein Mädchen von gutem Rufe zu einer solchen öffentlichen Ausstellung verstehen; auch bemerkten wir fast immer dieselben Tänzerinnen und schließen daraus, daß sie vom Unternehmer der Anstalt hier zu tanzen engagiert sind. Indessen, sie tanzten mit dem Ausdruck der Freude und dennoch anständig, so daß sie eine vollkommene Illusion hervorbrachten. Alle waren schön, jung und wohlgekleidet, und so fragte niemand danach: wer sie wohl eigentlich sein möchten?
Gewöhnlich bricht der Tag über alle diese Freuden an, doch pflegt die gute Gesellschaft sich vor zwei Uhr zu entfernen; später artet der Ton aus und wird zuweilen zu wild und baccantisch, als daß man gern dabei verweilen möchte.
Konzerte
Berühmte Virtuosen, welche in London binnen wenigen Jahren ein Vermögen erwarben, das sie auf dem festen Lande während einer ganzen Lebenszeit nicht erworben hätten, wissen am besten, wie man hier die Musik liebt.
Die Nation selbst ist eigentlich nicht musikalisch. Es fehlt ihr nicht bloß an Talent, sondern auch an Gehör und Geschmack. Daher gibt's nichts Ungefälligeres, Monotoneres als die englische Volksmusik. Wir haben schon früher bemerkt, daß hier der Text mehr gilt als die Melodie, deutliche Aussprache mehr als alle Kunst des Sängers.
So ist's beim Volk und der mittleren Klasse; die Großen aber, welche auf Reisen Gelegenheit hatten, das Bessere kennenzulernen, nehmen ausländische Talente gern in Schutz und belohnen sie mehr als fürstlich. Viele von ihnen haben in ihren Häusern zu bestimmten Tagen musikalische Vereine, an welchen fremde berühmte Tonkünstler teilnehmen. Wohl dem, der mit einer einzigen Bekanntschaft oder Adresse nach London kommt; sein Glück ist gemacht.
Verschiedene große Subskriptionskonzerte existieren den Winter über in London, wo alle bedeutenden fremden und einheimischen Virtuosen engagiert sind. Auch diese Konzerte, die ziemlich kostbar sind, werden größtenteils von den Vornehmeren besucht und erhalten. Das glänzendste derselben wird während der beiden letzten sogenannten Wintermonate wöchentlich einmal in Hanover Square, in einem schönen, hochgewölbten Saale gegeben, an welchen zwei brillante Konversationszimmer stoßen. Es ist hauptsächlich der Vokalmusik geweiht. Nie hat uns ein Konzert mehr Vergnügen gewährt als dies. Das sehr glänzende Auditorium war still und aufmerksam. Londons beste Sänger wetteiferten miteinander. Mme. Billington, die uns im Konzerte weit besser gefiel als zuvor in der Oper, Mme. Storace, Mme. Dusseck, die Frau des berühmten Klavierspielers [Fußnote: Tochter Domenico Corris, eines Opernkomponisten. Corri gründete 1797 mit seinem Schwiegersohn Dusseck in London einen Musikverlag, der aber bald fallierte. Johann Ladislaus Dusseck (geb. 1761 in Böhmen, gest. 1812 in Paris) war ein bedeutender, vor allem aber sehr effektvoller Virtuose am Pianoforte.], sangen sehr angenehm. Letztere ließ sich auch auf der Harfe hören, die sie meisterhaft spielte. Besonders entzückte uns der Tenorist Braham [Fußnote: eigentlich Abraham, John; (1774-1856). Bedeutender Sänger, der zeit seines Lebens in London wirkte. In Webers "Oberon", der für London komponiert wurde, war er der erste Hüon.], welcher damals vielleicht die schönste Stimme hatte, die existierte. Er ist eigentlich ein Israelit und heißt Abraham. Arien, Duette und vierstimmige Musikstücke wechselten miteinander ab, manches mußte wiederholt werden, denn der Engländer, hoch oder niedrig, läßt sich's nicht nehmen, für sein Geld zu befehlen, ohne Umstände und Ansehen der Person. Die Künstler müssen gehorchen, wenn's ihnen auch noch so schwer wird, und sich's am Ende noch zur Ehre rechnen, wenn sie encored werden, wie man's hierzulande nennt.
Am Ende des Konzerts sang ein siebenjähriger Knabe, der Sohn des Unternehmers, ein italienisches Liedchen, gut genug für sein Alter. Die Gutmütigkeit des englischen Volks, die gern jedes aufkeimende Talent aufmuntert, zeigte sich hier. Auch er wurde encored, obgleich es schon Geduld erforderte, das kindliche Stimmchen gleich nach Brahams männlich schönem Gesange auch nur einmal anzuhören.
Palast von St. James. Die Parks von Kensington Gardens
Kein Fürst, auch nicht der kleinste regierende Herr, dessen Besitzungen kaum auf der Karte zu finden sind, hat eine schlechtere Residenz als der König von England. Kaum traut man seinen Augen, wenn man das alte, winkelige, rostige Gebäude ansieht, das mit dem stolzen Titel: St. James Palast prangt [Fußnote: nach dem Brand von Whitehall (1691) die ständige Residenz der englischen Könige von Wilhelm III. bis Georg IV.; 1809 zerstörte ein Feuer den Ostflügel, so daß wenig mehr vom alten Tudor Palast übrigblieb.]. Auch bewohnte König Georg der Dritte es gelegentlich nicht, und nur zum Schein prunkte ein großes Bette mit rotsamtenen Vorhängen im großen Leverzimmer.