Zum erstenmal in England mußten wir bei unserer Abreise auf Pferde warten, und endlich erschienen um sechs Uhr abends zwei, die des Tages Last reichlich getragen hatten. Wir wollten nach Matlock, einem siebzehn Meilen von Derby im gebirgigen Derbyshire gelegenen Badeorte. Siebzehn Meilen sind in England gewöhnlich in zwei bis drei Stunden abgefahren; daher achteten wir den heftigen Regen nicht, der uns ohnehin in unsere Zimmer eingekerkert hätte, und reisten ab. Die Pferde waren sehr müde: der Postillon konnte sie ungeachtet allen Treibens kaum von der Stelle bringen; langsam schlichen sie fort, Schritt vor Schritt. Uns war, als wären wir auf irgendeiner Poststraße in der Mark. Wir fürchteten, die armen Tiere würden zuletzt aus Ermüdung ganz stille stehen. Der Regen strömte heftiger, und die Nacht brach sehr finster herein, obgleich wir uns in der ersten Hälfte des Junius-Monats befanden. Der Weg war sehr bergig, hohe Felsen türmten sich vor uns auf; wir sahen ihre kolossalen Konturen nur schwach durch die dunkle Nacht. Nah und fern flammten Feuer aus den Ziegelbrennereien ringsumher, feurigen Gespenstern gleich, was uns die Finsternis nur auffallender machte, ohne sie zu erleuchten. Die Pferde scheuten sich einigemal davor. Wir fuhren steile Abhänge hinab und hinauf, tief unten brausende Waldströme ließen uns Abgründe neben dem Wege ahnen. Das Geklapper der vielen Mühlen, das Brausen der vom Wasser getriebenen Räder aller Art in dieser fabrikreichen Gegend, das Sausen der Gewässer ringsumher, der Wind, der Regen, die flammenden Limekilns (Kalköfen), alles vereinte sich, diese Nacht zu einer der schauerlichsten zu machen.
Die Situation war romantisch, das ist nicht zu leugnen; wir freuten uns indessen doch sehr, nach elf Uhr ihr Ende und das Ziel unserer Reise erreicht zu haben. Im alten Bade in Matlock fanden wir allen Komfort, den man nur in einem englischen Gasthofe erwarten kann, und die abenteuerliche, ermüdende Reise machte ihn uns doppelt angenehm.
Badeorte
Es wimmelte in England von Badeorten aller Art. Jeder am Ufer des Meeres gelegene Ort, dessen Strand und andere Umgebungen es erlauben, ist zum Bade eingerichtet. In allen findet man mehr oder weniger, vornehmere oder geringere Gesellschaft, je nachdem die Mode es gewollt hat. Zu diesen Badeplätzen sowohl als zu den im Lande gelegenen mineralischen Quellen flüchtet jeder, der keine eigene Villa besitzt, oder auf keiner eingeladen ist, und doch der Schande entgehen will, im Sommer in London gesehen zu werden.
Bekanntlich ist dann die Stadt (so heißt London vorzugsweise in ganz England) leer, obgleich die Straßen von Menschen wimmeln und der Fremde diese angebliche Öde gar nicht bemerkt. Alle Leute, welche man vom Anfang Julius bis gegen Weihnachten in London sieht, sind sogenannte Niemands (Nobodies) und werden gar nicht gerechnet. Die feinere Welt, die Müßigen, die Reichen, die Glücksritter, alles flüchtet aufs Land oder ins Bad. Die Seebäder sind im ganzen die besuchtesten und luxuriösesten. Die mineralischen Quellen werden öfter von der mittleren Klasse besucht, welche dort mehr ländliche Freuden als rauschende Ergötzlichkeiten sucht. Bath macht hiervon eine Ausnahme: im Sommer besuchen es die wahrhaft Kranken, die Lahmen und Gichtbrüchigen der warmen Quellen wegen. Die eigentliche Saison aber fängt dort erst im Dezember an und währt bis zum Frühjahr. Alle Londoner Freuden sind alsdann wohlfeiler und nach verjüngtem Maßstabe auch in Bath zu finden. Deshalb eilen die dorthin, welche gern groß und vornehm leben möchten und doch nicht reich genug sind, um dieses in London zu können. Viele große Familien bringen einige Winter in Bath zu, um durch diese Ökonomie ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen.
Nach Bristol hingegen treibt selten die Freude, öfter die Not, so ausgezeichnet schön auch die dortige Gegend ist. Man weiß, wie viele Opfer die Schwindsucht jährlich in England hinwegrafft. Bristols Quelle wird gewöhnlich als der letzte Versuch der Rettung von den englischen Ärzten angeraten. Daß es wirklich oft der letzte sei, bezeigen die vielen Denkmäler auf dem dortigen Gottesacker.
An allen diesen Plätzen ist die Lebensweise sehr verschieden: in den kleinen Bädern, wie in Matlock, lebt man still und ruhig, geselliger zwar, wie es sonst in England unter Unbekannten gebräuchlich ist, aber dennoch weit weniger so als in Deutschland in ähnlichen Verhältnissen.
In den großen, von den Vornehmen besuchtesten Bädern herrscht eine strenge, wunderliche Etikette. Wir werden weiterhin Gelegenheit finden, hiervon ausführlicher zu sprechen. Vorjetzt kommen wir zu Matlock und seinen Umgebungen.
Matlock
Freundlich und dennoch erhaben, einsam und dennoch voll regen Lebens, ist dieses liebliche Tal eines der schönsten Plätzchen Britanniens.