Es zogen rosige Wölkchen oben hin, und mehr und mehr blaute der
Himmel, und drüben floß es wie lauter Gold über die Höhen und das
Weideland, denn eben kam droben die Sonne über die hohen Felsen
heraufgestiegen.
»O wie schön! O wie schön! Guten Tag, Großvater«, rief das Heidi heranspringend.
»So, sind deine Augen auch schon hell?« gab der Großvater zurück, dem
Heidi die Hand zum Morgengruß hinhaltend.
Jetzt lief das Heidi unter die Tannen und hüpfte vor Freuden über das
Tosen und Sausen da droben unter den wogenden Ästen herum, und bei
jedem neuen Windstoß und lauten Wipfelbrausen jauchzte es auf vor
Wonne und sprang noch ein wenig höher.
Unterdessen war der Großvater zum Stalle hingegangen und hatte dem Schwänli und Bärli die Milch abgenommen; dann hatte er beide schön geputzt und gewaschen zur Bergreise und brachte sie nun auf den Platz heraus. Als das Heidi seine Freunde erblickte, kam es herangesprungen und faßte sie beide um den Hals, begrüßte sie zärtlich, und sie meckerten fröhlich und zutraulich, und jede von den Geißen wollte dem Heidi mehr Zuneigung beweisen und drückte ihren Kopf noch immer näher an seine Schultern heran, so daß es zwischen den zweien fast zerdrückt wurde. Aber das Heidi hatte keine Furcht, und wenn das lebhafte Bärli gar zu arg bohrte und drängte mit seinem Kopfe, dann sagte das Heidi: »Nein, Bärli, du stößt ja wie der große Türk«, und augenblicklich zog Bärli seinen Kopf zurück und stellte sich ganz anständig hin, und das Schwänli hatte auch schon seinen Kopf in die Höhe gereckt und machte eine vornehme Gebärde, so daß man deutlich sehen konnte, es dachte bei sich: Das soll mir denn keiner nachsagen, daß ich mich benehme wie der Türk. Denn das schneeweiße Schwänli war noch ein wenig vornehmer als das braune Bärli.
Jetzt hörte man von unten herauf die Pfiffe des Peter ertönen, und bald kamen sie heraufgesprungen, die lustigen Geißen alle, voran der flinke Distelfink in hohen Sprüngen. Gleich war das Heidi wieder mitten in dem Rudel drin, und vor lauter stürmischen Begrüßungen wurde es hin- und hergeschoben, und dann schob es wieder ein wenig, denn es wollte zu dem schüchternen Schneehöppli vordringen, das ja von den größeren immer wieder weggedrängt wurde, wenn es dem Heidi entgegenstrebte.
Nun kam der Peter heran und tat einen letzten, fürchterlichen Pfiff, der sollte die Geißen aufscheuchen und der Weide zujagen, denn er wollte Platz bekommen, um dem Heidi etwas zu sagen. Die Geißen sprangen ein wenig auseinander auf den Pfiff hin; so konnte der Peter vorrücken und sich nun vor das Heidi hinstellen.
»Du kannst einmal wieder mitkommen heut«, war seine etwas störrige
Anrede.
»Nein, das kann ich nicht, Peter«, entgegnete das Heidi. »Jeden Augenblick können sie jetzt von Frankfurt kommen, und dann muß ich daheim sein.«
»Das hast du schon manchmal gesagt«, brummte der Peter.