"Barmherzigkeit! Du kannst nicht lesen? Du kannst wirklich nicht lesen!", rief Fräulein Rottenmeier im höchsten Schrecken aus. "Ist es die Möglichkeit, nicht lesen! Was hast du denn aber gelernt?"
"Nichts", sagte Heidi der Wahrheit gemäß.
"Jungfer Dete", sagte Fräulein Rottenmeier nach einigen Minuten, in denen sie nach Fassung rang, "es ist alles nicht nach Abrede, wie konnten Sie mir dieses Wesen zuführen?" Aber die Dete ließ sich nicht so bald einschüchtern; sie antwortete herzhaft: "Mit Erlaubnis der Dame, das Kind ist gerade, was ich dachte, dass sie haben wolle; die Dame hat mir beschrieben, wie es sein müsse, so ganz apart und nicht wie die anderen, und so musste ich das Kleine nehmen, denn die Größeren sind bei uns dann nicht mehr so apart, und ich dachte, dieses passe wie gemacht auf die Beschreibung. Jetzt muss ich aber gehen, denn meine Herrschaft erwartet mich; ich will, wenn's meine Herrschaft erlaubt, bald wieder kommen und nachsehen, wie es geht mit ihm." Mit einem Knicks war die Dete zur Tür hinaus und die Treppe hinunter mit schnellen Schritten. Fräulein Rottenmeier stand einen Augenblick noch da, dann lief sie der Dete nach; es war ihr wohl in den Sinn gekommen, dass sie noch eine Menge von Dingen mit der Base besprechen wollte, wenn das Kind wirklich dableiben sollte, und da war es doch nun einmal und, wie sie bemerkte, hatte die Base fest im Sinn, es dazulassen.
Heidi stand noch auf demselben Platz an der Tür, wo es von Anfang an gestanden hatte. Bis dahin hatte Klara von ihrem Sessel aus schweigend allem zugesehen. Jetzt winkte sie Heidi: "Komm hierher!"
Heidi trat an den Rollstuhl heran.
"Willst du lieber Heidi heißen oder Adelheid?", fragte Klara.
"Ich heiße nur Heidi und sonst nichts", war Heidis Antwort.
"So will ich dich immer so nennen", sagte Klara; "der Name gefällt mir für dich, ich habe ihn aber nie gehört, ich habe aber auch nie ein Kind gesehen, das so aussieht wie du. Hast du immer nur so kurzes, krauses Haar gehabt?"
"Ja, ich denk's", gab Heidi zur Antwort.
"Bist du gern nach Frankfurt gekommen?", fragte Klara weiter.