»Wahrhaftig, da könnte was dran sein«, entgegnete der Oberst nachdenklich; »da muß ich sofort handeln.«

Er stand auf, rief nach seinem Knecht, und wenige Minuten nachher fuhr er im scharfen Trab zur Stadt hinunter. Von da an fuhr der Oberst jeden Tag einmal nach der Stadt, um zu hören, ob Berichte eingegangen seien. Am vierten Tage, als er nach Hause kam am Abend und seine Frau noch an Miezchens Bett verweilte, ließ er sie schnell rufen, denn er hatte ihr Wichtiges zu erzählen. Sie setzten sich dann zusammen, und der Oberst teilte seiner Frau mit, was er in der Stadt vernommen hatte. Auf seine Aussagen hin hatte die Polizei sogleich heimlich nach dem Jörg gesucht, und er war ohne große Mühe gefunden worden, denn er war ganz sicher, daß kein Mensch ihn gesehen hatte, da er nur des Nachts in sein Dorf gekommen und gleich wieder verschwunden war. So war er zunächst nur nach der Stadt hinuntergegangen und hatte sich in den Wirtshäusern herumgetrieben. Als er nun festgenommen und verhört wurde, leugnete er zuerst alles; als er aber hörte, der Oberst Ritter habe schlagende Beweise gegen ihn vorzubringen, da entfiel ihm der Mut, denn er dachte, der Herr Oberst müsse ihn gesehen haben, sonst wäre es unmöglich, daß er gerade auf ihn geraten hätte, da er frisch aus neapolitanischen Kriegsdiensten zurückgekommen war. Daß ein einziges Wort, das er einem kleinen Kinde angeworfen hatte, ihn hatte verraten können, davon hatte er keine Ahnung. Er fing dann an, furchtbar auf den Obersten zu schimpfen, und sagte, er habe immer gedacht, diese Aristokratenbrut werde ihn noch ins Unglück bringen. Im weiteren Verhör gestand er dann, er habe seinen Bruder aufsuchen und Geld von ihm entlehnen wollen. Als er durch das erleuchtete Fenster ihn erblickte, wie er eben eine gute Summe Geld vor sich liegen hatte, da kam ihm der Gedanke, den Andres niederzuschlagen und das Geld zu nehmen. Töten habe er ihn nicht gewollt, nur ein wenig bewußtlos machen, damit er ihn nicht kenne. Der größte Teil der Summe wurde noch bei ihm gefunden; diese wurde ihm abgenommen und dann der Jörg in den Turm gesetzt.

Als dieser Vorgang bekannt wurde, gab es eine ungeheure Aufregung im ganzen Dorfe, denn eine solche Geschichte war noch gar nicht vorgefallen, seit es stand. Besonders in der Schule kam alles aus der Ordnung, so stark beteiligten sich alle Schüler an der aufregenden Begebenheit. Otto war einige Tage ganz außer Atem, da er beständig da- und dorthin zu laufen hatte, wo noch ein näherer Umstand von der Sache zu hören war. Am dritten Abend nach der Verbreitung der Nachricht kam er aber so nach Hause gestürzt, daß ihn die Mutter ermahnen mußte, erst einen Augenblick stillzusitzen, da er vor Atemlosigkeit kein Wort hervorbrachte und doch durchaus wieder eine Neuigkeit erzählen wollte. Endlich konnte er sie in Worte bringen. Man hatte den Joggi, der bis dahin eingesperrt geblieben war, herausholen wollen, aber der arme Tropf hatte immerfort seine große Furcht beibehalten, und nun glaubte er, man hole ihn zum Köpfen ab, und sperrte sich ganz furchtbar, die Kammer zu verlassen. Dann hatten zwei Männer ihn mit aller Gewalt herausgeschleppt, er hatte aber so geschrieen und getan, daß alle Leute herbeiliefen, und dann hatte er sich noch mehr gefürchtet, und auf einmal, nachdem er herausgekommen, war er davongeschossen wie ein Pfeil und in die nächste Scheune hinein in den hintersten Winkel des Stalles. Da hockte er ganz zusammengeballt mit einem furchtbar erschrockenen Gesicht, und kein Mensch konnte ihn von der Stelle bringen. Schon seit gestern hockte er so ohne Bewegung, und der Bauer hatte gesagt, wenn er nicht bald aufstehe, wolle er ihn mit der Heugabel fortbringen.

»Das ist ja eine ganz traurige Geschichte, Kinder«, sagte die Mutter, als Otto fertig erzählt hatte. »Der arme Joggi! Was muß er nun leiden in seiner Angst, die ihm niemand wegnehmen kann, da er nicht versteht, was man ihm erklären könnte, und der arme, gutmütige Joggi ist ja ganz unschuldig. Ach, Kinder, hättet ihr mir doch gleich das ganze Erlebnis erzählt, als ihr am Abend von der Schlittbahn kamt; euer Verheimlichen hat recht Trauriges zur Folge gehabt. Könnten wir doch den armen Menschen trösten und wieder fröhlich machen.«

Das Miezchen war ganz weich geworden. »Ich will ihm den roten Zuckerhahn geben«, schluchzte es.

Auch Otto war ein wenig zerknirscht. Er sagte zwar etwas verächtlich: »Ja noch gar, einen Zuckerhahn einem erwachsenen Menschen geben! Behalt du den nur für dich.« Aber dann bat er die Mutter, ihm und Miezchen zu erlauben, dem Joggi etwas zu essen in den Stall zu bringen, er hatte gar nichts gehabt, seit er dort kauerte, zwei ganze Tage lang.

Das erlaubte die Mutter gern, und es wurde sogleich ein Korb geholt und Wurst und Brot und Käse hineingesteckt. Dann gingen die Kinder den Berg hinunter, dem Stalle zu.

Mit einem ganz weißen, erschreckten Gesicht kauerte der Joggi hinten im Winkel und rührte sich nicht. Die Kinder kamen ein wenig näher. Otto zeigte dem Zusammengekrümmten den offenen Korb und sagte:

»Komm hervor, Joggi, komm, das ist alles für dich zum essen.«

Joggi bewegte sich nicht.