Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich: »Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab, zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber. Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da, diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz nah; es war nicht da.

Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See, dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.

Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke – er wußte alles –, da war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand – die Mutter. Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.

Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«

So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war, als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.

Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das alles dem Stineli zeigen könnte!«

Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.

Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.

Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.

Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger, und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«