Wenn aber keine Tanztage waren, da konnte Rico jeden Abend zu dem kleinen Silvio gehen und lange da bleiben, denn die Wirtin wollte sich der Frau Menotti dienstbar erzeigen. Da ging Rico gern hin, das war seine Freude. Kam er am See vorbei, so ging er gegen die schmale Steinbrücke hin und setzte sich eine Weile auf den Boden; denn dies war der einzige Ort, wo er das Gefühl hatte, er sei vielleicht daheim. Da kam ihm am allerlebendigsten alles vor die Augen, wie es war, da er noch daheim war. Denn was er vor sich sah, hatte er damals so gesehen, und hier sah er auch am deutlichsten die Mutter vor sich. Dort hatte sie am See gestanden und etwas ausgewaschen, und von Zeit zu Zeit sah sie ihn an und sagte ihm liebevolle Worte, und er saß auf demselben Plätzchen, wo er jetzt saß. Das alles wußte er so genau. Da ging er immer mit Zwang weg, aber er wußte, daß Silvio nach ihm lauschte. Wenn er dann durch den Garten kam, so wurde es ihm auch wieder wohl und er trat gern in das stille, saubere Haus. Frau Menotti war in einer Weise freundlich mit ihm, wie sonst niemand, das fühlte er wohl; sie hatte ein großes Mitleid mit dem verlassenen Waislein, wie sie ihn nannte, sie hatte die Geschichte auch gehört von seinem Entfliehen. Sie fragte den Rico nie etwas von seinem Leben in den Bergen, denn sie dachte, es wecke ihm nur traurige Erinnerungen. Sie fühlte auch, daß der Rico nicht die Pflege hatte, die ein Büblein von seinem Alter und von so stiller Art bedurft hätte; aber sie konnte nichts machen, als ihn bei sich haben, soviel es anging. Sie legte ihm aber manchmal die Hand auf den Kopf und sagte mitleidig: »Du armes Waislein!«

Dem kleinen Silvio wurde der Rico täglich unentbehrlicher; schon am Morgen fing er an zu jammern und nach dem Rico zu begehren, und wenn seine Schmerzen da waren, so schrie er noch mehr und wollte sich nicht mehr beruhigen, wenn der Rico nicht kommen konnte. Denn seit der Rico so fließend sprechen konnte, hatte Silvio eine neue unversiegende Quelle der Kurzweil bei ihm gefunden; das war sein Erzählen.

Rico hatte angefangen, dem Silvio vom Stineli zu erzählen, und da ihm selbst dabei so wohl wurde und sein ganzes Herz aufging, so wurde er dabei so lebendig und so unterhaltend, daß er nicht mehr zu kennen war. Er wußte hundert Geschichten zu erzählen, wie das Stineli einmal den Sami gerade noch am Bein erwischte, als er ins Wasserloch fallen wollte, und nun immerzu aus aller Kraft am Bein ziehen und dazu oben hinaus schreien mußte, während der Sami unten durch schrie, bis der Vater ganz langsam herbeikam, denn er nahm immer an, Kinder schrieen von Natur und ohne Not. – Und wie es dem Peterli Figuren ausschnitt und dem Urschli Hausgerät machte aus allen Stoffen, von Holz und Moos und Grashalmen. Und wie alle Kinder nach dem Stineli schrieen, wenn sie krank waren, weil sie dann vergaßen, was ihnen weh tat, wenn es sie verkurzweilte. Und dann erzählte Rico, wie er mit dem Stineli auszog, und wie es dann schön war, und seine Augen leuchteten dann so zündend und der ganze Rico wurde so erstaunlich belebt, daß der kleine Silvio ganz ins Feuer kam und immer mehr hören wollte. Und wenn Rico einmal stille hielt, so rief er gleich: »Erzähl wieder vom Stineli!« Eines Abends aber kam Silvio in die alleräußerste Aufregung, als Rico fortgehen wollte und dazu sagte, morgen und am Sonntag dürfe er nicht kommen.

Silvio schrie nach der Mutter, als wäre das Haus in Flammen und er läge mitten drin, und als sie im höchsten Schrecken aus dem Garten hereingestürzt kam, rief er immer zu: »Der Rico darf nie mehr ins Wirtshaus, er muß dableiben. Er muß immer da sein. Du mußt dableiben, Rico, du mußt, du mußt!«

Da sagte Rico: »Ich wollte schon, aber ich muß doch gehen.«

Die Frau Menotti war in großer Verlegenheit; sie wußte wohl, was der Rico den Wirtsleuten wert war, und daß sie ihn nicht bekäme, unter keiner Bedingung. So beschwichtigte sie den Silvio, wie sie nur konnte, und den Rico zog sie an sich und sagte voller Mitleid: »Ach du armes Waislein!«

Da schrie Silvio in seinem Zorn: »Was ist ein Waislein? Ich will auch ein Waislein sein!«

Nun kam auch die Frau Menotti in Aufruhr und rief: »Ach Silvio, willst du dich noch versündigen? Sieh, ein Waislein ist ein armes Kind, daß keinen Vater und keine Mutter hat und gar nirgends auf der Welt daheim ist.«

Rico hatte seine dunkeln Augen auf die Frau geheftet, sie sahen immer schwärzer aus, sie bemerkte es aber nicht. Sie hatte gar nicht mehr an den Rico gedacht, als sie Silvio in der Aufregung die Erklärung gab. Rico schlich leise zur Tür hinaus und fort. Frau Menotti dachte, er sei so leise fortgegangen, damit der Kleine nicht noch einmal aufgebracht werde, und es war ihr recht. Sie setzte sich nun an das Bettchen und sagte: »Hör, Silvio, ich will dir’s erklären und dann mußt du diesen Lärm nicht mehr machen. Siehst du, die Buben kann man einander nicht nur so wegnehmen, denn wenn ich der Wirtin nun den Rico nehmen wollte, so könnte sie kommen und mir den Silvio nehmen. Dann könntest du den Garten und die Blumen nie mehr sehen und müßtest allein in der Kammer schlafen, wo das Roßgeschirr hängt und wo der Rico so ungern hineingeht; er hat dir’s ja schon manchmal erzählt. Was wolltest du dann machen?«

»Wieder heimgehen«, sagte der Kleine entschlossen. Er blieb aber nunmehr still und legte sich aufs Ohr.