»Jetzt kannst du gleich eins haben«, rief er weiter; »der Rico weiß, wo es ist, er muß es holen; ich will das Stineli haben alle Tage und immerfort; morgen muß es der Rico holen, er weiß, wo es ist.«
Wie nun die Mutter sah, daß der Kleine sich alles ausdachte und ganzen Ernst aus der Sache machen wollte, fing sie an, ihn auf alle Weise abzumahnen und auf andere Gedanken zu bringen, denn sie hatte mehrmals erzählen hören, was für unglaubliche Gefahren der Rico auf seiner Reise zu bestehen hatte, und wie es das größte Wunder sei, daß er lebendig habe bis nach Peschiera herunterkommen können, und was für ein schreckhaft wildes Volk dort oben in den Bergen lebe. So wußte sie ja, daß kein Mensch so ein Mädchen herunterholen würde, am wenigsten ein zartes Bürschlein wie Rico; er konnte ja ganz elend zugrunde gehen, wenn er so etwas beginnen würde, und dann hätte sie die Verantwortung auf sich. Das wollte sie nicht auch noch, sie hatte schon genug.
Sie stellte dem Silvio die ganze Unmöglichkeit der Sache vor und sprach ihm von vielen schreckhaften Ereignissen und bösen Menschen, die den Rico verfolgen und umbringen könnten. Aber diesmal half alles nichts. Der kleine Silvio mußte sich die Sache in den Kopf gesetzt haben, wie noch nichts in seinem Leben; denn was die Mutter auch vorbrachte und wie sehr sie in Eifer geriet vor Besorgnis, sobald sie innehielt, sagte Silvio: »Der Rico muß es holen, er weiß, wo es ist.«
Da sagte die Mutter: »Und wenn er’s auch weiß, meinst du denn, der Rico wolle so in die Gefahr und ins Gottversuchen hinauslaufen, wenn er es haben kann wie hier und gar zu keinen bösen Menschen mehr gehen muß?«
Da sah Silvio den Rico an und sagte: »Du willst schon gehen und das Stineli holen, Rico, oder nicht?«
»Ja, ich will«, antwortete Rico fest.
»Ach, ihr barmherzigen Heiligen, was soll das werden, jetzt wird mir der Rico auch noch unvernünftig!« rief die Mutter ganz erschrocken. »So weiß man sich ja gar nicht mehr zu helfen. Nimm die Geige, Rico, und spiel und sing etwas, ich muß in den Garten«, und damit lief Frau Menotti eilends unter die Feigenbäume hinaus, denn sie nahm an, der Silvio vergesse am schnellsten seinen Einfall wieder, wenn er nicht mehr an ihr zwingen könne.
Aber die beiden guten Freunde drinnen spielten nicht und sangen nicht, sondern brachten sich gegenseitig ganz ins Fieber mit allerhand Vorstellungen, wie das Stineli geholt werden müsse und wie es dann nachher zugehen werde, wenn es da sei. Rico vergaß gänzlich, fortzugehen, obschon es dunkel geworden war, denn die Frau Menotti kam absichtlich noch nicht herein, sie hoffte, der Silvio entschlafe dann vorher. Endlich trat sie aber doch ein und Rico ging gleich, aber mit Silvio hatte sie noch einen schweren Stand. Er wollte durchaus nicht die Augen zumachen, bis die Mutter versprechen würde, der Rico müsse das Stineli holen; das konnte sie aber nicht versprechen, und so kam Silvio zu keiner Ruhe, bis die Mutter sagte: »Sei nun zufrieden, über Nacht kommt dann alles in Ordnung.« Denn sie dachte, über Nacht vergesse er sein Begehren, wie schon viele, und es komme ihm etwas Neues in den Sinn.
Da wurde Silvio still und schlief ein. Aber die Mutter hatte sich verrechnet. Noch war sie am Morgen kaum recht erwacht, so rief Silvio aus seinem Bettchen herauf: »Ist alles in Ordnung, Mutter?«
Als sie dies unmöglich bejahen konnte, ging ein solcher Sturm los, wie sie desgleichen an dem Büblein noch nie erlebt hatte, und den ganzen Tag ging das Unwetter fort bis zum späten Abend, und am Morgen darauf fing Silvio gerade so wieder an, wie er am Abend aufgehört hatte.