Hinter dem Rico kam ein Mädchen hervor mit einem so freundlichen Gesicht, daß es der Frau Menotti sogleich das Herz gewann, denn sie war eine Frau von schnellen Eindrücken. Erst mußte sie aber dem Rico beide Hände fast abschütteln vor Freude, und währenddessen ging Stineli schnell an das Bettchen heran und begrüßte den Silvio, und es legte seinen Arm um des Bübleins schmale Schultern und lachte ihm ganz freundlich ins Gesicht, so, als hätten sie sich schon lang gekannt und gern gehabt, und der Silvio packte es gleich um den Hals und zog es ganz auf sein Gesicht herunter. Dann legte das Stineli dem Silvio ein Geschenk aufs Bett, das es in die nächste Tasche gesteckt hatte, um es gleich bei der Hand zu haben. Es war ein Kunstwerk, das der Peterli von jeher allen anderen Freuden vorgezogen hatte: ein Tannzapfen, dem in jede kleine Öffnung zwischen den harten Schuppen ein dünner Draht eingesteckt war. Oben auf dem Draht war je ein komisches Figürchen von Pantoffelholz festgemacht. Alle diese Figürchen zappelten aber so lustig gegeneinander und verbeugten sich und hatten von Rötel und Kohle so feurig bemalte Gesichter, daß der Silvio nicht mehr aus dem Lachen kam.

Unterdessen hatte die Mutter von Rico das Notwendigste vernommen, daß er sicher und glücklich wieder da sei, und sie kehrte sich nun zum Stineli und begrüßte es mit aller Herzlichkeit, und Stineli sagte mehr mit seinen freundlichen Augen als mit seinem Munde, denn es konnte gar nicht italienisch und mußte sich mit seinen romanischen Worten helfen, wie es konnte. Aber es war nicht von schwerer Gemütsart und fand sich gleich zurecht, und wo es das Wort nicht fand, da beschrieb es die Sache gleich mit den Fingern und allerhand Zeichen, was dem Silvio unbeschreiblich kurzweilig vorkam, denn es war wie ein Spiel, wo es immer etwas zu erraten gab.

Nun ging die Frau Menotti an den Kasten, wo alles bereit lag, was man zum Essen brauchte, Teller und Tischtuch und das kalte Huhn und die Früchte und der Wein. Sowie Stineli das bemerkte, lief es augenblicklich der Frau Menotti nach und trug herzu und deckte den Tisch und war so erstaunlich flink, daß der Frau Menotti gar nichts mehr übrig blieb zu tun, als nur verwundert zuzusehen; und bevor sie nur Zeit hatte zu denken, was nun folge, hatte schon der Silvio alles auf seinem Brett, verschnitten und vorgelegt ganz ordentlich, wie es sein mußte, und die rasche Bedienung gefiel dem Silvio.

Da setzte sich Frau Menotti hin und sagte: »So habe ich es lange nicht gehabt, aber jetzt komm und sitz auch, Stineli, und iß mit uns.«

Nun aßen alle fröhlich und saßen beisammen, so als hätten sie immer zueinander gehört und müßten auch immer so zusammenbleiben. Dann fing der Rico an von der Reise zu berichten, und derweilen stand Stineli auf und räumte leise alles wieder weg in den Kasten hinein, denn es wußte nun schon, wo jedes Ding seinen Platz hatte. Dann setzte es sich ganz nahe an Silvios Bett und machte Figuren mit seinen gelenkigen Fingern, so daß davon der Schatten auf die Wand fiel, und alle Augenblicke lachte der Silvio hell auf und rief aus: »Ein Hase! Ein Tier mit Hörnern! Eine Spinne mit langen Beinen!«

So verfloß der erste Abend so schnell und vergnüglich, daß keines begreifen konnte, wo die Zeit hingekommen war, als es nun zehn Uhr schlug. Rico stand auf vom Tisch, denn er wußte, daß er nun gehen mußte; es war aber eine schwarze Wolke über sein Gesicht gekommen. Er sagte kurz: »Gute Nacht!« und ging hinaus. Aber das Stineli lief ihm nach und im Garten nahm es ihn bei der Hand und sagte: »Nun darfst du nicht traurig werden, Rico; es ist so schön hier, ich kann dir gar nicht sagen, wie es mir gefällt und wie froh ich bin, und das habe ich alles dir zu danken. Und morgen kommst du wieder und alle Tage; freut es dich nicht, Rico?«

»Ja«, sagte er und schaute das Stineli ganz schwarz an, »und alle Abende, wenn’s am schönsten ist, muß ich fort und weg und gehöre zu niemandem.«

»Ach, so mußt du nicht denken, Rico«, ermunterte ihn Stineli; »nun haben wir doch immer zueinander gehört und ich habe mich drei Jahre lang immer darauf gefreut, wenn wir wieder einmal zusammenkommen werden, und wenn es daheim manchmal so zuging, daß ich lieber nicht mehr hätte dabei sein wollen, dann dachte ich immer: Wenn ich nur einmal wieder mit dem Rico sein könnte, so wollte ich alles gern tun. Und nun ist alles so gekommen, daß ich gar keine größere Freude wüßte, und jetzt willst du dich gar nicht mit mir freuen, Rico?«

»Doch, ich will«, sagte Rico und schaute das Stineli heller an. Er gehörte doch zu jemand, Stinelis Worte hatten ihn wieder ins Gleichgewicht gebracht. Sie gaben einander noch einmal die Hand, dann ging der Rico zum Garten hinaus!

Als Stineli in die Stube zurückkam und nach der Mutter Anweisung dem Silvio »Gute Nacht« sagen wollte, da ging ein neuer Kampf an; er wollte es durchaus nicht von sich weglassen und rief ein Mal ums andere: »Das Stineli muß bei mir bleiben und immer an meinem Bette sitzen, es sagt lustige Worte und lacht mit den Augen.«