»Nun möchte ich noch ein Lied mit dir singen, Rico; weißt du, was für eines?«
»Ja, ich weiß es«, antwortete Rico, »und ich will auch gern mithalten; wir wollen gleich beim Vers der Großmutter anfangen«, und er stimmte an und sang so schön und tief heraus, wie er noch gar nie gesungen hatte, und Stineli sang mit seinem ganzen Herzen dazu:
»Er hat noch niemals was versehn
In seinem Regiment,
Und was er tut und läßt geschehn,
Das nimmt ein gutes End’.
Ei nun, so laß ihn ferner tun
Und red ihm nicht darein,
So wirst du hier im Frieden ruhn
Und ewig fröhlich sein.«
Aber nach Riva ging der Rico nicht an dem Tage. Die Mutter Menotti hatte ihm geraten, gleich hinzugehen und der Wirtin seine veränderten Verhältnisse mitzuteilen, einen Geiger nach Riva zu beordern und gleich heute noch in sein Haus einzuziehen. Dieser Vorschlag gefiel dem Rico, und er eilte gleich fort. Die Wirtin hörte ihm mit der größten Verwunderung zu, als er ihr seine Mitteilungen machte; als er fertig war, rief sie ihren Mann herbei und bezeugte eine laute Freude und wünschte dem Rico allen Segen in sein Haus, und es kam ihr recht von Herzen. Sie verlor ihn ungern, aber sie hatte schon seit einiger Zeit den Verdacht gehegt, die Wirtin zu den »Drei Kronen« fahnde auf den Rico und mache ihn ihr noch abspenstig; das hätte sie nicht ertragen. Nun war der gefürchteten Tat der Riegel gestoßen, und daß der Rico ein Gutsherr geworden war, mochte sie ihm gönnen, denn sie hatte ihn immer wohl gemocht. Und der Mann hatte seine besondere Freude an der Sache, denn er hatte den Vater gekannt und konnte gar nicht begreifen, daß es ihm nie in den Sinn gekommen war, wie ihm der Rico aufs Haar gleich sehe. So nahm Rico einen freundlichen Abschied aus dem Hause, und als ihm die Wirtin unter der Tür noch einmal die Hand gab, empfahl sie sich noch für alle Fälle, wenn er etwa mit der Zeit einmal einen Anlaß von seinem Haus aus zu geben hätte. Noch an demselben Abend wußte ganz Peschiera die ganze Geschichte des Rico, wie sie sich zugetragen hatte, und dann noch viel dazu, und jedermann mochte dem Rico sein Glück gönnen, und einer sagte zum anderen: »Er paßt gerade als Herr auf sein Gütlein, als wäre er eigens dazu geschaffen worden.«
Die Mutter Menotti aber wußte nicht, wie sie es dem neuen Besitzer gut genug machen wollte in seinem Hause. Sie rüstete das große Zimmer auf mit den zwei Fenstern über den Garten und auf den See hinab; von der Wand schauten schöne weiße Marmorfigürchen herunter, auf den Tisch kam ein duftender Blumenstrauß, und das ganze Zimmer sah so sauber und festlich aus, daß der Rico unter der Tür stehen blieb vor Erstaunen, wie er jetzt, vom Stineli geführt, heraufkam, wo die Mutter Menotti ihn empfangen wollte. Als diese ihn aber bei der Hand nahm und zum Fenster führte, wo er auf den flimmernden See hinunter und bis zu den violetten Bergen hinübersah, da stieg dem Rico so vieles auf im Herzen, daß es ihm vor Freude und Dank übervoll wurde und er nur leise sagen konnte:
»O wie schön! nun darf ich daheim sein!«
In der wohnlichen Stube mit den offenen Türen auf den Blumengarten wurde von dem Abend an, da Rico sein Haus bezogen hatte, von den vier Bewohnern desselben ein Tag nach dem anderen in solcher Fröhlichkeit und ungetrübtem Glücke verlebt, daß keines von allen bemerkte, wie rasch die Zeit dahinging.
Am Tage ging der Rico seinem pfeifenden Burschen nach zu den Feigenbäumen und auf den Acker hinaus ins Maiskorn, denn das mußte er nun alles behandeln lernen. Dann dachte der Bursche bei sich selbst: »Ich kann freilich mehr als mein Meister«, und der Hochmut stieg ihm ein wenig in den Kopf gegen den Rico; aber am Abend klangen aus der erleuchteten Stube so schöne und herzgewinnende Weisen in den Garten hinaus, daß der Bursche sich an die Hecke lehnte und stundenlang lauschte, denn Musik ging ihm über alles. Dann sagte er zu sich: »Mein Meister kann doch mehr als ich«, und bekam einen großen Respekt vor ihm.