»O der, der«, rief Onkel Max lachend, »ja, nun weiß ich auf einmal alles. Richtig, ›Aristokratenbrut‹ rief er uns beständig nach; ich möchte nur wissen, wie ihm das Wort in den Sinn kam. Er war ein widerwärtiger Kerl; ich weiß. Da sah ich ihn einmal einen viel kleineren Jungen ganz unbarmherzig durchprügeln; dem half ich aber, dafür rief er mir wohl zwölfmal nach: ›Aristokratenbrut!‹ Ach, nun weiß ich auch auf einmal, wer der andere war; das war der magere, kleine Andres, sein Bruder, das ist gewiß euer Andres, und dann ist das auch der Andres mit den Veilchen, nicht wahr, Marie? O, jetzt versteh’ ich schon die dicke Freundschaft«, lachte Onkel Max auf’s neue auf. – »Was Veilchen, das muß ich wissen«, fiel der Oberst ein. – »O, die Geschichte ist mir auf einmal vor Augen, als wäre sie gestern geschehen«, sagte der Onkel ganz angeregt von seinen Erinnerungen; »die muß ich dir erzählen, Otto. Du weißt vielleicht durch deine Frau, daß wir hier im Dorfe in jenen glücklichen Zeiten unserer Kindheit einen alten Schullehrer hatten, der fand, daß alle Mängel und Gebrechen der Schulkinder aus ihnen heraus- und alle Fähigkeiten und guten Eigenschaften in sie hineingeprügelt werden könnten. So war er genötigt, sehr viel zu prügeln, um den einen oder andern guten Zweck zu erreichen, manchmal auch beide auf einmal. Einmal nun war ihm der magere Andres unter die Hand gekommen; dem schlug er nun so kräftig seine wohlgemeinte Ermahnung auf den Rücken, daß der Andres laut aufschrie. In diesem Augenblick stand meine kleine Schwester, die kürzlich in die Schule eingetreten war und sich noch nicht so recht in die daselbst herrschenden Gebräuche eingelebt hatte, plötzlich auf von ihrem Sitze auf der ersten Bank und schritt eilig der Tür zu. Einen Augenblick hielt der Schullehrer inne mit seiner Arbeit und rief ihr nach: ›Wo läufst du hin?‹ Marie kehrte sich um; die hellen Tränen liefen ihr über die Backen herunter und sie sagte ganz aufrichtig: ›Ich will heimgehen und es dem Papa sagen.‹ ›Wart, ich will dir‹, rief jetzt der Schullehrer in großer Überraschung und stürzte vom Andres weg auf die kleine Marie los; die prügelte er aber nicht, er nahm sie nur beim Arm und setzte sie ziemlich fest auf ihren Platz hin; dann sagte er noch einmal: ›Wart, ich will dir!‹ Damit war aber alles abgetan; auch der Andres wurde in Ruhe gelassen, und so nahm alles einen friedlichen Ausgang. Aber die Tränen, die meine Schwester für den Andres vergossen, und ihr Einschreiten gegen den Tyrannenstock wurden nicht vergessen. Von dem Tag an lag jeden Morgen ein Büschel Veilchen auf ihrem Platz und durchduftete den ganzen Schulraum, und nachher kam noch ein anmutigerer Duft von dem Platz her, denn da lagen große Erdbeersträuße mit den prächtigsten dunkelroten Beeren, wie sie sonst nirgends zu sehen waren, und so ging es das ganze Jahr durch immerfort; wie sich dann aber die Freundschaft zu dem erstaunlich hohen Grad entwickelt hat, wo sie nun angelangt ist, das muß meine Schwester wissen und uns mitteilen.« – Der Oberst hatte seine Freude an der Geschichte der Tränen und der Veilchen und forderte seine Frau auf, weiter zu erzählen. Sie sagte mit Lachen: »Erdbeeren und Veilchen blühen deiner Ansicht nach das ganze Jahr durch, Max; das ist aber nicht ganz so. Hingegen wurde der gute Andres wirklich das ganze Jahr durch nicht müde, mir irgend etwas Erfreuliches aus Feld und Wald aufzufinden und an meinen Platz zu legen, solange wir miteinander zur Schule gingen. Er trat dann lange vor mir aus und kam in die Lehre zu einem Schreiner nach der Stadt; er kam dann immer öfter nach Hause, ich verlor ihn nie ganz aus den Augen, und als mein Mann dies Gut kaufte und wir uns eben verheiratet hatten, handelte es sich darum, daß Andres sich etwas ankaufen und sich selbständig niederlassen wollte; er hatte seine Eltern verloren und stand ganz allein, aber als ein tüchtiger Arbeiter da. Er hatte seine Augen auf das Häuschen mit dem sauberen kleinen Garten dort unterhalb der Kirche gerichtet, konnte es aber nicht ankaufen, da der Verkäufer sogleich bares Geld haben und Andres erst solches durch seine Arbeit gewinnen mußte. Aber wir kannten ihn und seine Arbeit. Mein Mann kaufte das Gütchen an für ihn, und er hat es keinen Augenblick zu bereuen gehabt.« – »Nein, wahrhaftig nicht«, fiel hier der Oberst ein; »der brave Andres hat längst sein Gut vollständig abgezahlt und seither bringt er mir jedes Jahr um diese Zeit eine ganz hübsche Summe, den Gewinn seiner Jahresarbeit; die lege ich ihm gut an und habe meine Freude an dem Gedeihen des wackeren Menschen. Er ist jetzt schon ein ganz wohlhabender Mann, und nun nimmt sein Besitztum jährlich sehr zu, er kann sein Häuschen noch zu einem großen Haus machen, der brave Andres; es ist nur schade, daß er wie ein Einsiedler lebt und darum sein erarbeitetes Gut gar nicht genießen kann.« – »Hat er denn keine Frau und Familie, und wo ist der bitterböse Jörg schließlich hingekommen?« fragte Onkel Max weiter. – »Nein, er hat gar niemanden«, antwortete die Schwester, »er lebt völlig allein, wirklich wie ein Einsiedler. Er hat eine lange, traurige Geschichte erlebt, die ich mit angesehen habe, und die ihm gewiß alle Lust benommen hat, je eine Frau zu suchen. Der Bruder Jörg hat erst hier einige Jahre herumvagabondiert, hat nie gearbeitet, sondern gehofft, durch furchtbares Schimpfen auf alle diejenigen, die keine Lumpe waren wie er, endlich doch noch sein Glück zu machen, und als ihm dies nicht gelang, auch der gute Andres ihm endlich nicht mehr aus seinen Schulden und allem Bösen heraushelfen konnte und auch nicht mehr wollte, da ist er verschwunden, wohin, hat man nie recht gewußt; jedermann war froh, daß er nur fort war.« – »Was war denn die traurige Geschichte, Marie?« fragte der Bruder; »die muß ich auch noch wissen.« »Und ich auch«, sagte der Oberst und zündete zu der Erzählung vergnüglich eine neue Zigarre an.
»Aber Mann«, bemerkte die Frau Oberst, »dir habe ich dieses Erlebnis wohl schon sechsmal erzählt.« – »So?« entgegnete ruhig der Oberst; »es gefällt mir, wie es scheint.« – »So fang an!« ermunterte der Onkel. – »Du mußt dich noch jenes Kindes erinnern können, Max«, begann seine Schwester, »von dem ich heut’ abend schon einmal gesprochen habe, das ganz in unserer Nähe wohnte. Es gehörte dem bleichen, mageren Leineweber an, den wir immerfort sein Weberschifflein hin- und herwerfen hörten, wenn wir in unserem Garten standen. Das Kind sah zart und nett aus und hatte große, lustig glänzende Augen und so schöne braune Haare. Es hieß Aloise.« – »In meinem Leben habe ich keine Aloise gekannt«, warf Onkel Max ein. – »O, ich weiß schon warum«, fuhr seine Schwester fort, »wir nannten sie auch nie so, besonders du nicht; Wisi nannten wir sie, zum Schrecken unserer seligen Mama. Weißt du denn nicht mehr, wie oft du selbst sagtest, wenn wir am Klavier Lieder singen wollten mit Mama und es so leise tönte: ›Man muß das Wisi holen, sonst geht’s nicht?‹« – Jetzt stieg die Erinnerung mit einem Male in Onkel Maxens Gedächtnis auf; er lachte hell heraus und rief: »O, das ist’s, das Wisi, ja gewiß, das Wisi kenn’ ich wohl, ich seh’ es deutlich vor Augen mit dem lustigen Gesicht, wie es am Klavier stand und so tapfer darauf los sang. Ich mochte es gern, das Wisi; es war auch nett anzusehen. Das ist ja wahr: die gute Mutter hatte immer einen Schreckensanfall, wenn ich ›Wisi‹ sagte; ich habe aber nie gewußt, wie das Wisi eigentlich hieß.«
»Freilich hast du«, bemerkte die Schwester, »denn jedesmal sagte die Mama, es sei eine Barbarei, aus dem schönen Namen Aloise ein Wisi zu machen.« – »Das habe ich wohl jedesmal überhört«, meinte Onkel Max; »aber wo ist denn das Wisi hingekommen?«
»Du weißt, es war in derselben Klasse mit mir in der Schule, wir sind miteinander von Klasse zu Klasse gestiegen bis hinauf zur sechsten, da kann ich mich denn ganz gut erinnern, wie alle diese Jahre durch der Andres als treuster Freund und Beschützer dem Wisi zur Seite stand in Freud’ und Leid, und es konnte den Freund gut brauchen. Meistens, wenn es zur Schule kam und die Tafel mit Rechnungen bedeckt bringen sollte, wie wir anderen auch, da stand nicht eine Zahl darauf; es legte sie aber mit dem lustigsten Gesicht auf die Schulbank hin, und im folgenden Augenblick stand alles darauf, was darauf stehen sollte, denn der Andres hatte schnell die Tafel genommen und die Rechnungen darauf gesetzt. Öfter geschah’s auch, daß Wisi in seiner raschen Weise mit dem Ellbogen eine Scheibe eingeschlagen hatte in der Schulstube, oder es hatte im Garten an des Schulmeisters Pflaumenbaum geschüttelt, und wenn dann Gericht über diese Untaten gehalten wurde, dann blieb regelmäßig alles auf dem Andres sitzen; nicht daß er von jemand angeklagt wurde, sondern er selbst sagte gleich halblaut: er meine, er habe die Scheibe zerdrückt, und er glaube auch, er habe einmal an dem Pflaumenbaum gerüttelt, und so bekam er die Strafe. Wir Kinder wußten immer ganz gut, wie es war; aber wir ließen es so gehen, wir waren so gewöhnt daran, daß es so sei, und dann hatten wir alle das lustige Wisi so gern, daß wir’s ihm immer gönnten, wenn es ungestraft davonkam. Und Äpfel und Birnen und Nüsse hatte Wisi immer alle Taschen voll, die kamen alle vom Andres, denn was er nur hatte und erlangen konnte, das steckte er alles dem Wisi in den Schulsack. Ich dachte manchmal darüber nach, wie es denn auch so sein könne, daß der ganz stille Andres gerade das allerlustigste und aufgeweckteste Kind der ganzen Schule am liebsten habe, und dann sann ich darüber nach, ob es nun auch gerade den stillen Andres besonders gern habe. Es war wohl immer freundlich mit ihm, aber so war es auch mit den anderen, und als ich einmal ernstlich unsere Mama darüber fragte, wie das wohl sei, da schüttelte sie ein wenig den Kopf und sagte: ›Ich fürchte, ich fürchte, diese artige Aloise ist ein wenig leichtsinnig und kann noch in eine schwere Schule kommen.‹ Diese Worte gaben mir viel zu denken und kamen mir immer wieder in den Sinn. Als wir dann zusammen in den Religionsunterricht gingen, da kam Wisi regelmäßig am Sonntagabend zu uns herüber und wir sangen Choräle zusammen am Klavier; daran hatte es damals sehr große Freude, es konnte alle die schönen Lieder auswendig und sang sie mit so heller Stimme; wir hatten auch recht unsere Freude an den Abenden, Mama und ich, und auch darüber, daß Wisi so gern in den Unterricht ging und ihn wirklich zu Herzen nahm. Es war nun ein großes Mädchen geworden und sah recht gut aus; seine lustigen Augen hatte es noch, und wenn es auch nie so kräftig aussah, wie die Bauernmädchen im Dorf, so hatte es doch eine so blühende Farbe damals und war netter als sie alle. Damals war der Andres noch in der Stadt als Lehrjunge, er kam aber immer über den Sonntag heim. Dann kam er auch jedesmal zu uns ins Pfarrhaus, einen Besuch zu machen, und am liebsten sprach er dann immer mit mir von den vergangenen Tagen der Schule, und dann kamen wir immer bald auf das Wisi zu sprechen; das kam so im Zusammenhang, und schließlich sprachen wir dann nur noch von ihm. Dem Andres ging ganz das Herz und der Mund auf bei diesen Erinnerungen, und während alle Welt längst das Wisi nie anders als so genannt hatte, nannte er es unwandelbar das ›Wiseli‹, und das kam dann so ganz eigen zärtlich heraus. Da kam denn auch ein Sonntag – wir waren noch nicht achtzehn Jahre alt, Wisi und ich –, als es gegen Abend bei uns eintrat und ganz rosig aussah, und wie wir nun zusammensaßen – Mama war auch mit uns –, da sagte denn Wisi, es sei gekommen, uns mitzuteilen, daß es sich mit dem jungen Fabrikarbeiter versprochen habe, der seit kurzer Zeit im Dorfe wohnte, und daß sie gleich heiraten könnten, da er eine gute Anstellung habe unten in der Fabrik, und so hätten sie denn schon alles festgesetzt, daß sie gleich in zwölf Tagen zusammenkommen könnten. Ich war so erstaunt, und so traurig kam mir die Sache vor, daß ich kein Wort sagen konnte; eine Zeitlang sagte die Mutter auch nichts, sie sah ganz bekümmert aus. Dann aber sprach sie ernstlich mit dem Wisi und stellte ihm vor, wie leichtsinnig es sei, daß es sich so schnell mit dem Fabrikarbeiter eingelassen habe, es kenne ihn ja kaum, und da sei doch ein anderer, der ihm jahrelang nachgegangen sei und ihm gezeigt habe, wie lieb es ihm sei, und zuletzt fragte sie es dringend, ob denn nicht alles noch rückgängig gemacht werden, oder doch eine gute Zeit lang hinausgeschoben werden und es noch bei seinem Vater bleiben könnte, es sei ja noch so jung. Da fing es denn zu weinen an und sagte, es habe ja ganz bestimmt sein Wort gegeben, und alles sei eingerichtet auf die Zeit, und dem Vater sei’s recht. Nun sagte die Mutter nichts mehr, aber das arme Wisi weinte immer ärger; da nahm sie es denn bei der Hand und zog es zum Klavier hin, an den Platz, wo es immer stand, wenn wir zusammen sangen, und sagte in ihrem freundlichen Ton zu ihm: ›Trockne nun deine Tränen, wir wollen noch einmal zusammen singen‹; dann schlug sie uns das Lied auf und wir sangen zusammen:
›Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.‹
Wisi ging dann wieder ziemlich getröstet von uns, die Mutter hatte ihm noch einige freundliche Worte gesagt; aber mich hatte die Sache recht traurig gemacht, ich hatte ein ganz bestimmtes Gefühl, daß das arme Wisi seine frohen Tage nun hinter sich hatte, und dann dauerte mich der Andres unsäglich; was würde der sagen? Er sagte aber nie etwas, gar kein Wort, aber ein paar Jahre lang ging er herum wie ein Schatten und war noch stiller geworden als vorher, ich habe auch seither nie mehr sein still-fröhliches Gesicht gesehen, wie er es damals doch oft haben konnte.«
»Der arme Kerl!« rief Onkel Max aus; »hat er denn keine andere Frau genommen?« – »Ach nein, Max«, entgegnete seine Schwester ein wenig strafend, »wie konnte er denn, wie kannst du so etwas sagen, er ist ja die Treue selbst.« – »Das konnte ich ja nicht wissen, liebe Schwester«, erwiderte der Bruder begütigend; »ich konnte doch nicht voraussehen, daß dein vielseitig begabter Freund nun auch noch die Unwandelbarkeit an sich trägt. Aber das Wisi, erzähl weiter von dem, ich hoffe wirklich, das lustige Wisi ist nicht unglücklich geworden, es würde mich arg dauern.« – »Ich merke schon, Max«, sagte die Schwester, »daß du heimlich es mit dem Wisi hältst und kein Mitleid hast mit dem treuen Andres, dem es doch fast das Herz abgedrückt hat, daß das Wisi für ihn verloren war.« – »Doch, doch«, versicherte der Onkel, »ich habe ja alle Teilnahme für den Ehrenmann; aber weiter, wie ging’s mit dem Wisi, es hat doch seine lustigen Augen nicht verweint?« – »Doch, ich glaube manchmal wohl«, fuhr die Schwester fort; »ich habe es nicht mehr oft gesehen, es hatte gleich viel zu tun; ich glaube, der Mann war nicht eben böse, aber er hatte etwas Rohes, er konnte so grob und unfreundlich sein, auch mit seinen kleinen Kindern schon; Wisi hatte gewiß wenig Freude mehr. Er hatte mehrere nette Kinder, aber sie waren alle sehr zart, es verlor sie wieder eins nach dem anderen; fünf hatte es begraben müssen, nur ein einziges ist ihm geblieben, ein feines, zartes Geschöpfchen, ein kleines Wiseli, es ist nicht viel größer als unser Miezchen und ist doch gut drei Jahre älter. Wisis Gesundheit hatte durch das alles so gelitten, daß man deutlich sehen konnte, was kommen würde, und nun ist es auch da, eine schnelle Auszehrung rafft ihr Leben hin; ich fürchte, es ist gar keine Hoffnung mehr.« – »Nein«, rief Onkel Max ganz erschrocken aus, »das kann doch nicht sein, ist’s wirklich so? Kann man da nichts machen, Marie? Wir wollen doch gleich nachsehen, vielleicht ist noch zu helfen.« – »Ach nein, da ist nicht mehr zu helfen«, sagte die Schwester traurig; »da war überhaupt nicht mehr zu helfen. Wisi war für all’ die Arbeit und Anstrengung viel zu zart.« – »Und was macht nun der Mann?« fragte Onkel Max. – »Ach, den habe ich ja ganz vergessen, das hatte das kranke Wisi auch noch durchzumachen. Es wird nun bald ein Jahr sein, da wurde ihm in der Fabrik der eine Arm und das Bein so zerschlagen, daß man ihn halbtot nach Hause brachte; er wurde dann ganz elend, arbeiten konnte er gar nichts mehr; er muß kein besonders geduldiger Kranker gewesen sein. Wisi hatte ihn nun noch zu verpflegen zu allem anderen, er starb dann ungefähr ein halbes Jahr nach dem Unfall. Seither lebt Wisi allein mit dem Kinde.« – »Und so blieb denn von allem gar nichts mehr übrig, als ein kleines Wiseli? Was macht man damit? Aber nein, so traurig wird’s doch nicht kommen müssen; das Wisi kann noch gesund werden und alles noch kommen, wie es hätte sein sollen von Anfang an.« – »Nein, nein, dazu ist es zu spät«, entgegnete die Schwester sehr bestimmt; »das arme Wisi hat seinen Leichtsinn schwer büßen müssen. Aber auch hier ist es spät geworden«, – und fast erschrocken stand sie auf, denn über dem Gespräch war die Mitternachtsstunde vorübergegangen, und seit einiger Zeit schon war der Oberst ganz stille geworden, er hatte sich in seinen Lehnstuhl zurückgelegt und war fest eingeschlafen. Onkel Max hatte zwar keinen Schlaf, denn mit der Erzählung von dem armen Wisi waren ihm alle Jugenderinnerungen so lebendig aufgestiegen, daß er noch eine Menge von Dingen und Persönlichkeiten besprechen wollte; aber seine Schwester war unerbittlich, sie hielt die Lichter in der Hand und drängte zum Aufbruch. So half denn nichts; um aber nicht allein die unwillkommene Störung zu tragen, weckte er seinen Schwager mit einem so gewaltigen Ruck an seinem Stuhl, daß der Oberst mit einem Schrecken emporschoß, als sei eine feindliche Bombe auf ihn gefahren. Aber sein Schwager klopfte ihm friedlich auf die Schulter und sagte: »Es war nur eine leise Mahnung von seiten deiner Frau, daß wir uns zurückziehen möchten.« Der Rückzug wurde dann vollzogen, und bald stand das Haus auf der Höhe ganz still im Mondschein da, und unten am Berg stand eins, da sollte es auch bald stille werden; jetzt brannte noch ein schwaches Lämpchen drinnen und warf seinen matten Schimmer durch das schmale Schubfenster in die monderhellte Nacht hinaus.