Als es nun ganz dunkel und still in der Hütte wurde, stand der This auf und lief, so schnell er konnte, den Berg hinunter.
Es war spät und kein Lichtlein mehr zu sehen. Aber das war ihm gleich, die Tür war ja nie geschlossen. Er trat leise ins Häuschen und schlich zu seinem Lager, das er mit dem Uli zu teilen hatte. Dieser schlief steif und fest, nachdem er noch vorher ausgerufen hatte: “Es ist bequem, daß der This auch jetzt zu dumm wird, sein Bett zu finden. So hat man doch Platz!”
This legte sich leise nieder. Und bis seine Augen zufielen, sah er immer noch den Franz Anton vor sich, wie er im Mondschein mit gefalteten Händen vor seiner Hütte stand. Zum erstenmal in seinem Leben schlief der This mit einem glücklichen Herzen ein.
3. Kapitel
Ein hilfreicher Engel
Der Tag darauf war ein Sonntag. Die Kinder, die an der Halde wohnten, mußten nach Beckenried hinunter zur Kirche. Trotz des langen Weges gingen die Kinder jeden Sonntag zum Religionsunterricht, denn der Herr Pfarrer hielt fest an der alten Ordnung. So kam eben jetzt die ganze Schar den Berghang herunter, und bald saßen sie alle mit anderen Kindern so ruhig wie möglich auf den langen Bänken, und der Herr Pfarrer konnte beginnen. Er sagte, er habe ihnen das letztemal von einem zukünftigen Leben gesprochen, und da sein Blick eben auf den This fiel, fuhr er fort: “Ich will dich auch einmal wieder etwas fragen, das wirst du wohl beantworten können, wenn man dir auch nicht viel zutrauen kann. Sag mir: Wo wird es denn einmal auch dem Ärmsten und Geringsten unter uns, wenn er ein frommes Leben geführt hat, so wohl werden, daß er kein Leid verspürt?”
“Bei der Schwemmebachsennhütte”, antwortete der This ohne Zögern. Jetzt entstand ein solches Kichern, daß der This ganz scheu um sich schaute. Ringsum waren spöttische Blicke auf ihn gerichtet, und alle Kinder wollten vor verhaltenem Lachen ersticken. Der This beugte sich so stark vornüber, als wollte er in den Boden hineinkriechen. Von dem, was der Herr Pfarrer das letztemal erklärte, hatte er nichts gehört, weil er sich immer gegen heimliche Angriffe wehren mußte. Jetzt hatte er auf die Frage ganz nach seiner eigenen Erfahrung geantwortet.
Der Herr Pfarrer schaute ihn fest an. Als er aber sah, daß es dem This gar nicht zum Lachen war, sondern daß er vor Scheu ganz erschrocken und zusammengeduckt dasaß, da schüttelte der Herr Pfarrer nur ganz bedenklich den Kopf und sagte: “Es ist nichts mit ihm zu machen.”
Als aber die Religionsstunde zu Ende war, da stürzte die ganze Schar hinter dem This her, alle lachten überlaut und schrien durcheinander: “This, sind dir auf einmal in der Kirche die Käsfische in den Sinn gekommen?”
“This, warum hast du nicht auch etwas von den Käsfischen gesagt?” Der This lief wie ein gejagtes Kaninchen davon, um nur endlich dem Geschrei zu entfliehen, rannte keuchend den Berghang hinauf. Oben wurde er nun nicht mehr verfolgt. Denn die anderen wollten den schönen Sonntagabend unten im Dorf genießen.
Der This lief immer weiter hinauf. Er hatte bei allem Leid jetzt einen Trost im Herzen. Er konnte zur Schwemmebachsennhütte hinaufflüchten und dort das freundliche Gesicht des Franz Anton sehen. Ganz still konnte er dort an seinem verborgenen Plätzchen sitzen und vor Verfolgung sicher sein. Nun saß er wieder unter den Tannen und über ihm sang der Vogel sein Lied. Die Schneeberge glitzerten in der Sonne, und über den grünen Hängen floß da und dort ein klares Bächlein friedlich ins Tal hinab. Dem This wurde es so wohl, daß er allen Spott vergaß und nur den einzigen Wunsch empfand, gar nicht mehr weggehen zu müssen.