Der Großmutter trat jener Tag vor Augen, als es ihr ins Haus gebracht worden war, ein kleines, hilfloses Ding, das niemand brauchen konnte und das niemand pflegen wollte. Damals hatte sie noch rüstige Hände und gute Kräfte, und wenn sie auch von früh bis spät tätig sein mußte, sie tat es gern. Die Waschkäthe hatte drei Kinder gehabt, zwei Söhne und eine Tochter. Ihr Mann war an einem hitzigen Fieber gestorben, als die Kinder alle drei noch ganz klein waren. Da mußte die Käthe viel arbeiten, damit die Kleinen etwas zum Anziehen hatten und keinen Mangel litten. Tag und Nacht war sie bei der Arbeit, und jedermann ringsum rief sie zur Hilfe bei der großen Wäsche. Denn man wußte, keine arbeitete so gut wie die Käthe, die wegen dieser Tätigkeit überall nur die Waschkäthe hieß. Als ihre Söhne groß waren, bekamen sie Lust, in die Ferne zu wandern, und gingen miteinander nach Amerika. Die Tochter verheiratete sich und zog ins Tal hinab. Aber nicht viel mehr als ein Jahr später starb sie plötzlich noch ganz jung. Das betrübte ihren Mann so sehr, daß er es daheim nicht mehr aushalten konnte. Er brachte das ganz kleine Trineli zur Großmutter hinauf und sagte: “Da, Mutter, nimm du das Kind, ich weiß nichts damit anzufangen. Ich muß fort, es hält mich nichts mehr hier.” Dann ging er zu den Schwägern nach Amerika.

Von dem Tag an hatte die Waschkäthe eine neue Sorge, aber auch eine neue, große Freude nach vielem Kummer und Leid. Das kleine Trineli entwickelte sich schnell und lohnte der guten Großmutter ihre Mühe und Arbeit mit einer ungewöhnlichen Liebe und Anhänglichkeit. Sie hatten viele lustige Stunden miteinander, denn das Kind war immer so beweglich und lebendig wie ein munteres Fischlein im Wasser. Mit jedem Jahre wurde es der Großmutter lieber und unentbehrlicher.

Alle diese vergangenen Tage stiegen nun in der Dämmerung vor der alten Waschkäthe auf, und der Gedanke, das Kind so weit und vielleicht für alle Zeit von sich zu schicken, machte ihr das Herz immer schwerer. Aber sie kannte einen Tröster, der ihr schon in vielen trüben Stunden geholfen und auch manches gefürchtete Leid gemildert hatte. Den wollte sie doch nicht vergessen. Lieber, als so die schweren Gedanken hin- und herzuwälzen in ihrem Innern, wollte sie jetzt die ganze Sache dem lieben Gott übergeben. Mußte es sein und mußte sie dieses Leid der Trennung ertragen, so hatte doch der liebe Gott seine schützende Hand dabei. Es konnte ja alles zum Besten des Kindes geschehen, und sein Wohl ging ihr noch über das eigene. Als die Großmutter dies alles überlegt hatte, faltete sie still die Hände und sagte andächtig vor sich hin:

“Drum, meine Seele, sei du still
Zu Gott, wie sich’s gebühret,
Wenn er dich so, wie er es will,
Und nicht wie du willst führet.
Kommt dann zum Ziel der dunkle Lauf,
Tust du den Mund mit Freuden auf,
Zu loben und zu danken.”

2. Kapitel
In den Erdbeeren

Während die alte Käthe so gedankenverloren erst an ihrem Spinnrad und dann in der Dämmerung saß, ging es oben am Sonnenrain ziemlich laut zu. Hier wuchs jedes Jahr eine Fülle der schönsten, saftigsten Erdbeeren. Wenn sie reif waren, schien es oft, als ob ein großer, dunkelroter Teppich vom Sonnenrain herunterhinge, der in der Sonne glühte. Der Platz war den Kindern von Hochtannen, wie das kleine, aus zerstreuten Häusern bestehende Bergdörfchen hieß, wohlbekannt. Sie wußten auch recht gut, daß, wenn man die Beeren ausreifen ließ, ein schöner Gewinn damit zu erzielen war. Denn diese ungewöhnlich großen, saftigen Beeren wurden überall gern gekauft. So gaben die Kinder selbst acht aufeinander, daß nicht etwa die einen zu früh die Beeren holten, bevor sie die rechte Reife erlangt hatten. Erscholl aber an einem schönen Junitag unter den Schulkindern der Ruf: “Sie sind reif am Sonnenrain! Sie sind reif!”, dann stürzte noch an demselben Abend die ganze Schar hinaus zum Sonnenrain. Jedes Kind hatte einen Korb in der Hand, und sie liefen, so schnell sie konnten, denn jedes wollte zuerst auf dem Platz sein und die schönsten und reifsten Beeren finden.

Die mitgebrachten Körbe, Kratten genannt, hatten alle dieselbe Form, aber verschiedene Größen. Sie hatten die Form von Zylinderhüten, mit dem Unterschied, daß bei diesen die Öffnung unten ist, wo der Kopf hineingesteckt wird, bei jenen aber oben, wo die Erdbeeren hineingeworfen werden. Wenn dann die Dämmerung gekommen war und man die Beeren nicht mehr sehen konnte, wurde die Arbeit beendet. Dann deckte man die Kratten mit großen Blättern zu und befestigte zwei hölzerne Stäbchen kreuzweise darüber, damit der Wind die Blätter nicht entführe. Nun stimmte man das Erdbeerlied an, und voller Fröhlichkeit zog die ganze Schar heimwärts. Alle sangen aus vollen Kehlen:

Erdbeeren rollen,
Die Kratten all, die vollen,
Erdbeeren mit Stielen,
Jetzt trägt man sie heim die vielen,
Erdbeeren an Ästen,
Die meinen sind die besten!

Am schnellsten und am fleißigsten aber von allen war die Enkelin der alten Waschkäthe, das lustige Trini. Immer wußte es, wo die schönsten Beeren standen und wo noch am wenigsten gepflückt worden war. Dann schoß es dahin und rupfte mit einer Gewandtheit, daß kein anderes Kind schneller war und die Langsamen in seiner Nähe gar nichts erwischten. Auf einen kleinen Stoß kam es dem Trini dabei auch nicht an, wenn ihm eine schöne Stelle besonders ins Auge fiel, wo schon ein anderes Kind Beeren sammelte. Niemals aß es von den Früchten, bis sein Kratten so voll war, daß es eben noch die hölzernen Stäbchen über den Blättern festmachen konnte, ohne die zarten Früchte zusammen zu drücken. Erst dann kamen noch einige der süßduftenden Beeren in den Mund und schmeckten herrlich nach der harten Arbeit. Vorher hätten sie aber dem Trini gar nicht geschmeckt, denn es war ihm, als gehörten sie alle der Großmutter, bis keine einzige Beere mehr in den Kratten hineinging.

Das Trini strengte sich sehr an, für seine liebe Großmutter auch etwas zu tun. Es fühlte wohl, wie aufopfernd und gut sie zu ihm war und wie hart sie immer noch arbeitete, damit sie beide keinen Mangel leiden mußten. Es hatte auch sein Leben lang nie andere, als liebevolle Worte von ihr gehört. Und wie oft hatte es gespürt, daß sie viel lieber sich selbst als ihm etwas versagte. Dafür hing es auch mit dem ganzen Herzen an der Großmutter, und mit ungeheurer Freude sah es die Beerenzeit wieder kommen. Dann konnte es täglich seinen vollen Kratten heimbringen oder ihn dahin tragen, wohin er bestellt war, um dann ein schönes Geldstück zu verdienen. Das war für die Großmutter eine große Einnahme, die freilich nur eine kurze Zeit dauerte. Viel brachten aber nur die allergrößten Kratten ein, und diese hatten das Trini und das kleine, bleiche Maneli. Dieses konnte aber niemals seinen Kratten auch nur zur Hälfte füllen. Das Maneli, das eigentlich Marianne hieß, war mit Trini im gleichen Alter. Beide saßen auf derselben Schulbank, aber sie sahen sehr verschieden aus. Trini war groß und stark und hatte feste, runde Arme und rote Backen. Es fürchtete sich vor den größten Buben in der Schule nicht, denn es wußte sich zu wehren.