Die Frühlingsarbeiten hatten im Feld begonnen, und im Garten war allerhand zu tun. Da mußte es mithelfen, und wenn die Tante draußen war, mußte es kochen und nachher das Geschirr abwaschen, den Trog für die Schweinchen zurecht machen und in die Scheune hinübertragen. Neben alledem mußten die Hemden und Hosen der Buben geflickt werden, und noch so vieles war zu tun, daß Wiseli nie wußte, wie es fertig werden sollte. Den ganzen Tag durch hieß es an allen Ecken, wo es Arbeit gab: “Das kann das Kind machen, es hat ja sonst nichts zu tun.” Dem Wiseli wurde es manchmal ganz schwindlig, weil es gar nicht wußte, wo anfangen und wie alles zu Ende bringen. Es wußte auch, wenn es mit dem Kartoffelsamen zum Acker rannte, wo der Onkel schaufelte, würde die Tante sicher schimpfen, daß es nicht zuvor in der Küche Feuer fürs Abendessen gemacht hatte. Und machte Wiseli zuvor das Feuer an, so zankte wieder der Chäppi, daß es nicht zuerst das Loch in seinem Jackenärmel hatte flicken können. Er hatte es ihm ja schon lang gesagt, und jedes rief ihm zu: “Warum machst du denn das nicht? Du hast ja sonst nichts zu tun!”

So war Wiseli ganz froh, wenn es in die Schule gehen konnte, da hatte es doch eine Zeitlang Ruhe und wußte, was es tun mußte. Und dazu war das auch der Ort, wo es noch freundliche Worte hörte. Denn in jeder Pause oder nach dem Unterricht kam der Otto zu Wiseli, redete freundlich mit ihm und brachte immer wieder eine Einladung von seiner Mutter, daß es etwa am Sonntagabend zu ihnen komme. Sie wollten dann zusammen spielen. Das konnte nun Wiseli nie ausführen, denn am Sonntag mußte es den Kaffee machen, und die Tante erlaubte ihm nicht, fortzugehen an dem einzigen Tag, da es ihr etwas helfen könne, wie sie sagte. Aber es tat doch dem Wiseli sehr wohl, daß Otto es immer wieder einlud, und allein schon, daß er freundlich mit ihm sprach wie sonst niemand.

Noch einen Grund hatte Wiseli, warum es gern zur Schule ging. Es mußte jedesmal an dem sauberen Gärtchen vom Schreiner Andres vorbeigehen, da schaute es so gern hinein und paßte da an der niederen Hecke immer und immer wieder die Gelegenheit ab, den Schreiner Andres zu sehen. Denn es hatte ihm ja noch etwas von der Mutter auszurichten, das hatte es nicht vergessen. Aber in das Haus hineinzugehen, dazu war Wiseli zu schüchtern. Es kannte den Mann auch zu wenig, um einen solchen Schritt zu tun. Auch hatte es eine eigene Art von Scheu vor ihm, weil er so still war und es nur immer, wo es ihn traf, freundlich angesehen, aber fast nie etwas zu ihm gesagt hatte. Seit dem Tod der Mutter hatte Wiseli den Schreiner Andres nie mehr gesehen, wie oft es auch an der Hecke gestanden und nach ihm ausgeschaut hatte.

Mai und Juni waren vorbei, und die langen Sommertage waren gekommen, da es auf dem Feld immer mehr Arbeit gibt. Es war heiß geworden. Das merkte auch das Wiseli, wenn es vom Onkel hinausgerufen wurde und mit einem großen, schweren Rechen das Heu zusammenbringen oder mit der breiten Holzgabel wieder auseinanderwerfen mußte, damit es an der Sonne trockne.

Oft mußte es so den ganzen Tag draußen helfen, und am Abend war es dann so müde, daß es seine Arme kaum mehr bewegen konnte. Das hätte es aber nicht geachtet, denn es dachte, das müsse so sein. Aber wenn es dann etwa am Abend einen Augenblick still saß, dann rief ihm der Chäppi gleich zu: “Du wirst so gut Rechnungen zu machen haben wie ich. Du meinst, du müssest nichts tun, und in der Schule kannst du ja nie etwas.”

Das tat dem Wiseli weh, denn es hätte gern fleißig alles gelernt und wäre gern regelmäßig zur Schule gegangen, damit es alles gut begreifen und erlernen könnte. Und es wußte recht gut, daß es fast überall zurück war. Es mußte ja so oft unterbrechen und hatte dann gar keinen Zusammenhang, wußte auch gar nicht, was für Aufgaben zu machen waren.

Wenn es dann ohne Hausarbeiten in die Schule kam und dazu ungeschickt antwortete und vieles gar nicht wußte, schämte es sich sehr—besonders, wenn der Lehrer ihm dann vor allen Kindern sagte: “Das hätte ich von dir nicht erwartet, Wiseli, du warst immer am klügsten.” Dann meinte es oft, es müsse in den Boden sinken vor Scham, und nachher weinte es auf dem ganzen Heimweg.

Aber dem Chäppi durfte es nicht antworten, es wisse ja nicht, was zu machen sei. Sonst schimpfte und lärmte er so lange, bis die Tante hereinkam und auf Chäppis Anklagen hin dem Wiseli erst recht seine Nachlässigkeit vorwarf. Dann unterdrückte das Kind manchmal seine Tränen, und erst nachher auf seinem Kissen durfte es ihnen freien Lauf lassen. Und sie kamen dann auch recht heiß und schwer, denn es war ihm so, als hätten der liebe Gott und die Mutter es ganz vergessen und kein Mensch auf der Welt kümmere sich um sein Leben.

In seinem Kummer konnte es oft lange sein Trostlied nicht sagen. Es kam aber zu keiner Ruhe und konnte nie einschlafen, bis es die Worte wieder recht zusammengefunden und sie mit Andacht hatte sagen können, wenn ihm auch die frohe Zuversicht nicht recht im Herzen aufgehen wollte.

So war das Wiseli auch eingeschlafen an einem schönen Juliabend, und am Morgen darauf stand es zaghaft unten am Tisch, als die Buben zur Schule aufbrachen. Es wagte nicht zu fragen, ob es auch gehen dürfe, denn die Tante schien keine Zeit zu einer Antwort zu haben und der Onkel hatte das Haus schon verlassen.