Wiseli sprang um die Hecke herum und las sie auf. Dann sah es zu dem Mann auf, der ganz still dastand, und sagte: “Ja, noch zu allerletzte als die Mutter sonst nichts mehr mochte, hat sie von dem guten Saft getrunken, den Sie in die Küche gestellt haben. Und er hat ihr so gut geschmeckt, und dann hat sie mir aufgetragen, ich soll Ihnen sagen, sie danke Ihnen vielmal dafür und auch noch für alles Gute. Und sie sagte noch: ‘Er hat es gut mit mir gemeint’.” Jetzt sah Wiseli, wie dem Schreiner Andres große Tränen über die Wangen hinunterliefen. Er wollte etwas sagen, aber es kam nichts heraus. Dann drückte er dem Wiseli fest die Hand, wandte sich ab und ging ins Haus hinein.

Das Wiseli stand ganz verwundert da. Kein Mensch hatte um seine Mutter geweint, und es selbst hatte nur weinen dürfen, wenn es niemand sah. Denn der Onkel wollte ja kein Geschrei, hatte er gesagt, und vor der Tante durfte es noch weniger weinen. Und nun war auf einmal jemand da, dem kamen die Tränen, weil es etwas von der Mutter gesagt hatte. Dem Wiseli wurde es so zumute, als wäre der Schreiner Andres sein liebster Freund auf der Welt, und es faßte eine große Liebe zu ihm. Jetzt rannte es mit seinen Nelken davon und war wie der Blitz am Buchenrain angelangt. Und das war gut, denn eben sah es, wie die beiden Buben dem Haus zuliefen, und es durfte um alles nicht nach ihnen daheim ankommen.

An diesem Abend betete Wiseli mit so frohem Herzen, daß es gar nicht begriff, wie es gestern so verzagt hatte sein können und gar keine Zuversicht und Freude gehabt hatte, sein Lied zu sagen. Der liebe Gott hatte es gewiß nicht vergessen, das wollte es nicht mehr denken. Heute hatte er ihm ja so viel Freude bereitet, und beim Einschlafen sah Wiseli noch das gute Gesicht des Schreiner Andres vor sich mit den Tränen darauf.

Am folgenden Tag, es war nun Mittwoch, erlebte Otto die gleiche Überraschung wie am Tag vorher, denn er hatte sich nicht enthalten können, mit den andern aus der Schulstube hinauszurennen im ersten Augenblick der Befreiung. Als er dann an seine Arbeit gehen wollte und die Tür aufmachte—da war schon alles getan und die Stube in bester Ordnung.

Nun fing aber die Sache an, seine Neugierde zu erregen. Auch war er dem unbekannten Wohltäter so dankbar, daß es ihn drängte, das auszusprechen. Am Donnerstag wollte er aufpassen, wie die Sache zugehe.

Als nun die Schulstunden zu Ende waren und alles fortlief, stand Otto einen Augenblick nachdenklich an seinem Platz. Er wußte nicht recht, wo er am besten dem Wohltäter auflauern konnte. Aber mit einemmal faßte ihn eine Schar rüstiger Kerle, seine Klassengenossen, an allen Ecken an, und die Stimmen riefen durcheinander: “Komm heraus! Heraus mit dir! Wir machen Räuber, du bist der Anführer.”

Otto wehrte sich ein wenig. “Ich muß ja diese Woche Ordnung machen”, rief er.

“Ach, was”, erwiderten sie, “wegen einer Viertelstunde. Komm!”

Otto ließ sich fortreißen, in der Stille verließ er sich schon ein wenig auf seinen unbekannten Freund, der ihn vor der Strafe schützen würde. Er fand es unbeschreiblich angenehm, eine solche Fürsorge im Rücken zu haben. Aus der Viertelstunde wurde auch mehr als eine Stunde, und Otto wäre verloren gewesen. Er lief keuchend zur Schulstube zurück, um sich seinem Schicksal zu stellen, und stieß dabei die Tür mit solchem Gepolter auf, daß der Lehrer augenblicklich aus seiner Stube ins Lehrzimmer trat.

“Was hast du gewollt, Otto?” fragte der Lehrer.