Das wirkte. Mit einemmal trocknete Miezchen seine Tränen und gab keinen Laut mehr von sich. Denn den großen roten Zuckerhahn vom Christbaum zu bekommen, war Miezchens allergrößter Wunsch gewesen. Er war aber bei der Teilung auf Ottos Teil gefallen, und Miezchen hatte den Verlust nie verschmerzen können. Wie nun alles in Ordnung war und die Kinder den Berg hinaufstiegen, wurde besprochen, was es für ein Mann gewesen sein könne, der das Miezchen habe totschlagen wollen.

“Ach was, totschlagen”, rief Otto dazwischen. “Ich habe schon lange gemerkt, wer es war. Wir haben ja im Herunterfahren den großen Mann mit dem dicken Stock auch angetroffen, er mußte unseren Schlitten ausweichen, in den Schnee hinein. Das machte ihn böse, und als er dann hintennach das Miezi allein antraf, hat er es ein wenig erschreckt und seinen Zorn an ihm ausgelassen.”

Diese Erklärung fand allgemeine Zustimmung. Das war ja so natürlich, daß jedes meinte, es sei ihm selber so in den Sinn gekommen. So wurde die Sache vergessen und lustig drauflos gerodelt. Endlich aber mußte auch dieses Vergnügen ein Ende nehmen, denn es hatte längst acht Uhr geschlagen, die Zeit, da aufgebrochen werden sollte.

Auf dem Heimweg schärfte der Otto dem Miezchen ein, zuhause nichts zu erzählen von dem Vorfall, sonst könnte die Mutter Angst bekommen. Und dann dürften sie nie mehr im Mondschein Schlitten fahren. Den Zuckerhahn würde Miezchen gleich bekommen, aber es müsse versprechen, nichts zu erzählen.

Miezchen versprach hoch und heilig, kein Wort zu sagen. Die Spuren seiner Tränen waren auch längst verschwunden und konnten nichts mehr verraten.

Längst schon schliefen Otto und Miezchen auf ihren Kissen, und der rote Zuckerhahn spazierte durch Miezchens Träume und erfüllte sein Herz mit einer so großen Freude, daß es im Schlaf lächelte. Da klopfte es unten an die Haustür, so laut, daß der Oberst und seine Frau vom Tisch auffuhren, an dem sie eben gemütlich gesessen und sich über ihre Kinder unterhalten hatten. Und die alte Trine rief in strafendem Ton zum Fenster hinaus: “Was ist das für eine Manier!”

“Es ist ein großes Unglück geschehen”, tönte es von unten herauf.
“Der Herr Oberst soll doch herunterkommen, sie haben den Schreiner
Andres tot gefunden.”

Damit lief der Bote wieder davon. Der Oberst und seine Frau hatten genug gehört, denn auch sie waren zum offenen Fenster gegangen. Augenblicklich warf der Oberst seinen Mantel um und lief zum Haus des Schreiners. Als er in die Stube trat, fand er schon eine Menge Leute da. Man hatte den Friedensrichter und Gemeindeamtmann geholt, und eine Schar Neugieriger und Teilnehmender war mit ihnen gekommen. Andres lag am Boden in einer Blutlache und gab kein Lebenszeichen von sich. Der Oberst trat näher.

“Ist denn jemand zum Doktor gelaufen?” fragte er.

Es war niemand dorthin gegangen. Da sei ja doch nichts mehr zu machen, meinten die Leute.