Diese Nachricht war für die besorgte Frau Doktorin eine große Beruhigung; nun wußte sie, daß, was von außen her der armen Mutter an Trost und Hilfe konnte geboten werden, ihr bald und am wohltuendsten durch diese treue alte Freundin zuteil werden würde. Diese allein hatte ja die entschlafene Nora gekannt und auch geliebt wie eine zweite Mutter. So kehrte die Frau Doktorin mit ein wenig erleichtertem Herzen zurück, denn da war nun doch die Aussicht auf eine wohltuende Umgebung für die vereinsamte Frau. Das mußte sie gleich der Tante mitteilen, denn auch diese hatte ja eine so herzliche Teilnahme für die verarmte Mutter. Aber die Tante war nirgends zu finden. Emmi, die ganz gegen ihre Gewohnheit still in einer Ecke saß, berichtete, der Fred habe lange die Tante gesucht, er habe sie gewiß zu einer Käferschau nötig gehabt und fortgeholt. Die Mutter dachte auch, es werde so sein, und setzte sich zu Emmi hin, die gern noch von der Nora wollte erzählen hören. Es war ihr ein Bedürfnis, von der Mutter zu hören, daß die Nora froh und zufrieden gewesen war ohne sie und daß ihr ihre Gesellschaft nicht gemangelt hatte, denn sie fühlte jetzt wohl, daß sie nur an sich selbst gedacht hatte bei dem Besuch und gar nicht daran, was sie für die einsame, kranke Nora tun könnte.

Fred war wirklich längere Zeit der Tante nachgelaufen und hatte sie endlich festnehmen können und nun weit hinunter nach dem entferntesten Gartenhaus mit sich gezogen, denn er wollte ganz allein mit ihr reden. Hier setzte er sich neben sie auf die Bank und sagte ernsthaft: »Siehst du, Tante, ich muß dir etwas sagen, aber nur dir allein. Heute habe ich die Nora gesehen; sie ist ganz tot und ich kann nicht begreifen, daß sie einmal wieder erwachen und leben kann im Himmel.«

»So? das kannst du nicht begreifen, Fred? Siehst du, ich auch nicht«, sagte die Tante; »aber der liebe Gott hat noch viele Dinge gemacht, die du auch nicht begreifen könntest und ich ebensowenig, und doch sind sie da. Wenn uns nun aber einer, dem wir fest glauben können, verspricht, daß wir wieder leben werden nach dem Tode dieses Körpers, so wollen wir glauben, bis wir begreifen; und ich glaube zuversichtlich daran, Fred.«

»Aber«, fing dieser in seiner gewohnten Zähigkeit noch einmal an, »ich habe doch immer gedacht, das Lebendigsein ist in dem Menschen wie in den Tieren, und wenn ein Tierchen keine Bewegung mehr macht, so ist es ganz tot und fängt nie mehr zu leben an; das habe ich beobachtet.«

Hier wurde das Gespräch zwischen Fred und der Tante unterbrochen, da der heimkehrende Vater an dem Gartenhäuschen vorbeikam und die Tante aufforderte, mit ihm durch das Äckerchen zu wandern, um die prachtvollen Kohlköpfe zu bewundern, die sich da entfaltet hatten. Fred ging still seiner Wege, denn Kohlköpfe konnte er nicht bewundern, die ließen ihn im Gegenteil viel schwere Augenblicke voraussehen, da er den grünen Stoff auf seinem Teller erblicken würde.

Neuntes Kapitel.

Eine letzte und eine erste Reise.