A. Die Gesichtsempfindungen
1. Qualitative Betrachtung der Gesichtsempfindungen

Unter den zahlreichen Inhalten, die wir als Empfindungen bezeichnen, sondert sich leicht und scharf umgrenzt die umfangreiche Gruppe aus, welche der Sprachgebrauch als Farben zusammenfaßt. Eine rein psychologische Beschreibung dieser Empfindungen läßt sich nicht geben. Sie sind ein letztes Erlebnisdatum, das nur durch sich selbst hinreichend gekennzeichnet wird. Für den Farbentüchtigen zerfallen sie in zwei Hauptarten, in die farblosen Lichter, auch neutrale oder tonfreie Farben genannt, und in die bunten Farben. Die farblosen Lichter lassen sich nach ihrer inhaltlichen Ähnlichkeit in eine kontinuierliche Reihe (Qualitätenreihe) ordnen, an deren einem Ende das tiefste Schwarz, an deren anderem Ende das blendendste Weiß zu stehen kommt, während die verschiedenen Abstufungen des Grau beide Enden verbinden. Geometrisch und symbolisch wäre diese Qualitätenreihe durch eine begrenzte Gerade darzustellen. Prüfen wir die verschiedenen Abschnitte der Schwarz-Weißreihe darauf, ob die betreffenden Inhalte der Definition der Empfindung genügen, so erhebt sich nur die eine Schwierigkeit, ob wirklich die Graunuancen als einfache Inhalte anzusprechen sind. Weist doch eine jede eine Ähnlichkeit sowohl mit Schwarz wie mit Weiß auf. Allein ähnlich sein bedeutet noch nicht zusammengesetzt sein. Nur wo sich im erlebten Inhalt Teile absondern, die als solche psychisch zu verwirklichen sind, da liegt eine Mehrheit von Empfindungen vor. Dieser Gesichtspunkt gilt auch für die noch zu besprechenden Abstufungen der bunten Farben.

Um die bunten Farben zu ordnen, denken wir uns, wir erlebten sie in ihrer größtmöglichen Ausgesprochenheit. Zunächst sei ein reines Rot, ein reines Gelb und zahlreiche Schattierungen von Orange gegeben. Bringt man diese in eine Qualitätenreihe, so beginnt sie etwa mit Rot; dann folgen jene Arten von Orange, die dem Rot ähnlicher sind als dem Gelb, dann ein Orange, das gleichviel Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb hat, weiter Nuancen, die mehr dem Gelb als dem Rot verwandt sind, und endlich das reine Gelb. Die beiden Enden der Reihe zeigen keine derartige Ähnlichkeit miteinander, die Zwischenfarben hingegen haben Ähnlichkeit mit Rot wie mit Gelb. Ausgehend vom Rot läßt sich feststellen, daß die Rotähnlichkeit immer mehr ab- und die Gelbähnlichkeit immer mehr zunimmt. Ebenso wie die Schwarz-Weißreihe wäre auch die Rot-Gelbreihe durch eine begrenzte Gerade zu symbolisieren. Die nämliche Betrachtung wiederholt sich bei den zwischen Gelb und Grün, Grün und Blau, Blau und Rot einzuschließenden Farbentönen. Die geometrische Symbolisierung ergibt also vier Gerade, deren Endpunkte je zwei Geraden gemeinsam sind und die darum ein geschlossenes Viereck bilden. An seinen Endpunkten liegen die vier Urfarben (Hering) Rot, Gelb, Grün, Blau. Sie weisen miteinander keine Ähnlichkeit nach Art der Zwischenfarben auf und bedingen darum je einen Richtungswechsel in der gesamten Farbenreihe: das von Rot bis an das Gelb vorhandene Rotmoment hört mit dem Gelb auf und ist in der Gelb-Grünreihe nicht mehr zu beobachten usf. Ob die Seiten des Farbenviereckes als gleich lang anzunehmen sind, wäre davon abhängig, ob in jeder der vier Farbenreihen gleichviel unterscheidbare Farbentöne erlebt werden können.

Wie von jeder Urfarbe zu ihren beiden Nachbarfarben, so gibt es auch direkte Übergänge von den Urfarben und den eingeschlossenen Tönen zu Weiß, zu Schwarz und zu sämtlichen Graunuancen. Dieser Tatsache verleiht man einen passenden Ausdruck, indem man die Schwarz-Weißlinie zu ungefähr gleichen Teilen nach oben und unten durch das Farbenviereck gehen und somit die Längsachse eines Oktaeders bilden läßt. ([Fig. 1].) In diesem Farbenoktaeder haben alle erlebbaren Farben ihren bestimmten Platz: die obere Spitze nimmt das Weiß, die untere das Schwarz ein, während die Urfarben an den Ecken der mittleren Ebene liegen. Da aber das Gelb dem Weiß ähnlicher ist als das Blau, so ist die Farbenebene nicht senkrecht, sondern schräg zur Schwarz-Weißlinie einzuzeichnen.

Fig. 1. Die Farbenpyramide.
Nach Titchener, Lehrbuch der Psychologie S. 63. Leipzig 1910, Barth.

Jede Farbe kann prinzipiell durch drei Momente bestimmt und in das Farbenoktaeder eingeordnet werden: durch den Farbenton, d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit einer der vier Urfarben, durch ihre Helligkeit, d. h. durch ihre Ähnlichkeit mit Weiß und durch ihre Sättigung, d. h. durch die Deutlichkeit der Buntheit bzw. ihre Unähnlichkeit mit den Tönen der Schwarz-Weißreihe.

Ein anderes Problem bildet die Frage nach der Intensität der Farbenempfindungen. Man wird hier zweckmäßig zwei Fragen auseinanderhalten: Gibt es bei der Farbenempfindung eine Intensitätssteigerung? und: Kann den Farbenempfindungen wenigstens eine Intensitätsstufe zuerkannt werden? War unsere Anordnung der Farben in das Oktaeder richtig, so ist die erste Frage zu verneinen; denn wir bestimmten jede Farbe nur aus den drei Momenten der spezifischen Qualität, der Helligkeit und der Sättigung; für eine Intensitätssteigerung bleibt kein Raum. Auch wenn irgendeine der Farben auf dem kürzesten Weg zum Verschwinden gebracht wird, so geschieht das nicht durch Herabsetzung ihrer Intensität, sondern dadurch, daß eine andere Empfindung an ihre Stelle tritt, mag diese andere Empfindung eine bunte Farbe oder auch Schwarz sein. Denn auch Schwarz ist als positive Empfindung anzusehen. Wird es ja ebenso wie alle andern Farben erlebt und draußen scharf umgrenzt vorgefunden, zum Unterschied von dem bloßen Ausfallen, dem Nichthaben einer Empfindung. Darum kann auch die Schwarz-Weißreihe nicht als eine Intensitätsreihe angesprochen werden, wie Helmholtz meinte. Man muß sich bei dieser Erwägung vor verschiedenen Verwechslungen hüten. Ganz außerhalb der Erörterung hat die Intensität des die Empfindung hervorrufenden Reizes zu bleiben, da es sich nur um die psychischen Inhalte handelt. Ferner darf man die Intensität der Farbe nicht ihrer Helligkeit, d. h. ihrer Ähnlichkeit mit Weiß gleichsetzen. Auch die als Eindringlichkeit bezeichnete Fähigkeit einer Empfindung, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, gehört in einen ganz anderen Problemkreis. Es muß vielmehr nach einer Empfindungseigenschaft gesucht werden, wie sie deutlich bei den Tönen erlebt wird, die bei gleichbleibender Qualität eine verschiedene Stärke besitzen können. Fassen wir diese Intensität als Abstand von Null auf, so werden wir jedem Ton eine bestimmte Intensität zuerkennen müssen, auch wenn es einmal aus irgendeinem Grunde unmöglich würde, die Intensität des Tones wie früher zu verändern. Aus dem gleichen Grunde wird man auch jeder Farbenempfindung eine gewisse Intensitätsstufe zuerkennen müssen, obwohl es unmöglich bleibt, diese herauf- oder herabzusetzen. Neuerdings tritt Stumpf für eine Intensitätsänderung der Farben innerhalb enger Grenzen ein. (Vgl. Stumpf, Die Attribute der Gesichtsempfindungen. 1917.)

2. Die Beziehung der Farbenempfindung zu den äußeren Reizen