Ebensowenig wie eine eigenartige Empfindung läßt sich ein besonderes Organ dieser Empfindungen nennen. Erwähnenswert ist vorerst nur die vielumstrittene Frage, ob die inneren Organe überhaupt empfindungsbegabt seien. Manche chirurgische Erfahrungen sprachen dafür, daß z. B. die Organe des Verdauungssystems völlig unempfindlich seien. Die großen Schmerzen bei Darmerkrankungen schienen nur von der umgebenden höchst empfindlichen Bauchwand herzurühren. Es dürften jedoch die inneren Organe nur gegen eine bestimmte Art von äußeren Reizen unempfindlich sein, während sie auf die ihnen entsprechenden inneren Reize im normalen Zustande mit mäßigen Empfindungen, in entzündetem Zustande mit heftigen Schmerzen reagieren.

Literatur

E. Becher, Über die Sensibilität der inneren Organe, ZPs. 49 (1908), 341 ff.

G. Die statischen Empfindungen

War es bei den Organempfindungen wenigstens möglich, auf gewisse Empfindungskomplexe hinzuweisen, so müssen wir hier, um einen Anknüpfungspunkt zu gewinnen, Bewußtseinstatsachen heranziehen, die weit das Gebiet der Empfindungen überschreiten. Wir sind imstande, mit ziemlich großer Genauigkeit auch bei verschlossenen Augen die Lage zu beurteilen, die unser Gesamtkörper im Raume einnimmt. Dieses Urteil gründet sich nicht auf die Druckempfindungen allein, die der Körper je nach der Richtung der Schwerkraft erleidet. Denn einmal kann man die Druckempfindungen möglichst ausschalten, und zum andern zeigt sich, daß bei gewissen Erkrankungen trotz der vorhandenen Druckempfindungen völlige Nichtorientierung herrscht. Zweitens wissen wir auch bei geschlossenen Augen Bescheid über Bewegungen, die der Körper als Ganzes ohne Bewegung seiner Glieder macht, mag sie nun eine geradlinige oder eine Drehbewegung sein. Allerdings muß die bedeutsame Einschränkung hinzugefügt werden, daß wir immer nur die Beschleunigung der Geschwindigkeit und mit dieser auch die Richtung der Bewegung wahrnehmen, während wir bei gleichmäßiger Bewegung ohne derartige Wahrnehmungen bleiben und bei Verlangsamung leicht der Täuschung einer scheinbar entgegengesetzten Bewegung verfallen. Wendet man aber bei gleichförmiger Bewegung den Kopf oder den ganzen Körper, so erkennt man augenblicklich die tatsächlich vorhandene Bewegungsrichtung wieder. All diese Wahrnehmungen von der Lage des Körpers können nun gewiß nicht der Inhalt irgendwelcher Empfindung sein, sondern schließen, wie später darzutun ist, sogar Denkprozesse ein; allein es muß sich mit der Lage oder der Beschleunigung des Körpers wenigstens ein eindeutiger Empfindungskomplex verbinden, auf den sich unser Urteil stützt. Es stellt sich nämlich heraus, daß auch die Tiere sinnliche Anhaltspunkte für die Körperlage besitzen, und anderseits geht der Verlust des Lagebewußtseins parallel mit dem Verlust gewisser nervöser Organe.

Dieser nervöse Apparat befindet sich neben der Gehörschnecke. Er besteht aus drei halbkreisförmigen Kanälen, den Bogengängen, die in drei Ebenen nahezu senkrecht aufeinanderstehen. Diese Kanälchen sind mit Flüssigkeit gefüllt und erweitern sich an ihren Enden zu den sog. Ampullen, von deren Innenwand feine Härchen in die Flüssigkeit der Bogengänge hineinragen. Unmittelbar neben den Bogengängen liegen die beiden Säckchen, das elliptische und das runde, die gleichfalls mit Endolymphe gefüllt sind und in denen feine Kalkplättchen, die sog. Otolithen, auf zarten Härchen ruhen. In diese drei miteinander nicht kommunizierende Räume, in die Bogengänge und die beiden Säckchen, mündet der nervus vestibularis. Schneidet man nun diese Organe bei Tieren heraus, so werden diese gegen ihre Körperlage gleichgültig: die Katze, die zuvor Schaukelbewegungen nicht vertragen konnte, schläft jetzt ruhig in der Schaukel ein. Beseitigt man nur einzelne Bogengänge oder reizt man sie künstlich, so erscheinen Störungen in der Lageauffassung der betreffenden Ebene. In einem sehr hübschen Tierexperiment wies Kreidl die Bedeutung der Otolithen nach: Krebse verlieren manchmal ihre Otolithen und erhalten neue aus dem Material ihrer Umgebung. Kreidl richtete es nun so ein, daß Eisenteilchen an Stelle der Otolithen traten. Brachte er dann einen Magneten von einer Seite her in die Nähe des Tieres, so warf es sich auf die andere Seite, offenbar weil es den Eindruck hatte, in die Richtung des Magneten zu fallen. Wurden die Eisenteilchen jedoch nur außen an den Kopf des Tieres geklebt, so blieb es gleichgültig gegen die Einwirkung des Magneten oder wurde passiv angezogen. Endlich entbehren Taubstumme ohne Labyrinth des Drehschwindels, der sich bei Normalen nach mehreren Drehbewegungen einstellt, wie sie anderseits im Wasser untergetaucht, ihre Körperlage nicht beurteilen können. All diesen Tatsachen sucht man in folgender Auffassung gerecht zu werden.

Beginnt der Kopf eine Bewegung in einer der drei Ebenen der Bogengänge, so bleibt für den Anfang das Labyrinthwasser ein wenig zurück und übt so einen Druck bzw. Zug auf die Härchen in den Ampullen aus. Wird die Bewegung gleichförmig, so muß nach physikalischen Gesetzen dieser Zug aufhören, um wieder einzusetzen, sobald die Bewegung merklich langsamer wird oder plötzlich aufhört. Nimmt man nun an, daß die Verbiegung der Sinneshaare in jeder Ebene eine charakteristische Empfindung oder einen eigenartigen Empfindungskomplex bedingen — die Drehung des Kopfes können sie unmittelbar nicht melden —, so erklären sich leicht die oben aufgezählten Wahrnehmungen der Körperbewegungen. Eine andere Aufgabe haben die Otolithen. Sie drücken bei aufrechter Haltung nach unten. Wird der Körper oder der Kopf für sich schief geneigt, so verbiegen sie die Haare, und diese Verbiegung bleibt, im Gegensatz zu der Biegung der Haare in den Ampullen, solange die schiefe Haltung eingenommen wird. Die Otolithen dürften also die dauernden Lageempfindungen vermitteln.

Es scheint nun ziemlich sicher zu sein, daß die Reizungen des Vestibularnerven mancherlei Reflexbewegungen auslösen, durch die sich die Sinneswesen gegen Lagestörungen schützen können. Aber es ist noch umstritten, ob sie auch Empfindungen hervorrufen. Die meisten Forscher entscheiden sich für letzteres und weisen auf die eigentümlichen Inhalte hin, die man hat, wenn man sich nach längerer Drehung plötzlich ganz ruhig hält und auf die Eindrücke im Kopfe achtet. Gibt man nun das Vorhandensein charakteristischer Eindrücke zu, so fragt es sich weiter, ob diese von den Tastempfindungen verschieden sind oder nur eine besondere Qualität bzw. Verbindung von Tastempfindungen darstellen. Letzteres hält Wundt für wahrscheinlich, während Nagel und andere in ihnen eine neue Empfindungsart erblicken. Wie immer auch diese Frage zu beantworten ist, so ist doch festzuhalten, daß die statischen Empfindungen aus sich weder einen räumlichen Charakter besitzen, noch viel weniger unmittelbar eine Lage, eine Drehung u. ä. zu melden vermögen, da die Inhalte „Lage“ und „Bewegung“ Relationen einschließen, die nur das Denken erfassen kann.

Literatur

A. Kreidl, Die Funktion des Vestibularorgans, Ergebnisse der Physiologie V (1906), 572.