3. Theorie des Tastraumes

Zwei Probleme sind hier zu lösen. Zuerst das Problem der Raumschwelle: Warum läßt sich zwar an jedem Punkt der Haut, praktisch genommen, eine Tastempfindung auslösen, während die Berührung zweier Punkte nur dann zwei Eindrücke verursacht, wenn die beiden Punkte eine bestimmte Entfernung haben?

E. H. Weber erdachte zur Beantwortung dieser Frage die Theorie der Empfindungskreise. Je ein Tastnerv ist einem bestimmten Hautkreis zugeordnet. Alle Reizungen innerhalb dieses Kreises erregen den gleichen Nerv, bedingen somit dieselben Tastempfindungen und bleiben deshalb ununterscheidbar. Das stimmt recht gut zu dem anatomischen Befund einzelner Druckpunkte und erklärt auch die Tatsache, daß nur in einer gewissen Distanz zweier Druckreize zwei Tasteindrücke entstehen. Allein die Raumschwelle müßte nach dieser Theorie an derselben Hautstelle beträchtlich schwanken. Denn berührten die Zirkelspitzen die beiden Empfindungskreise dort, wo sie mit ihrer Peripherie zusammenstoßen, so müßte eine verschwindend kleine Schwelle gefunden werden, während sie unvergleichlich zunähme, wenn sie zwei möglichst entfernte Punkte träfen. Weber änderte darum später seine Theorie dahin ab, daß er jeden Empfindungskreis aus einer Anzahl Elementarkreise bestehen läßt und zur Entstehung eines zweiten gesonderten Eindruckes verlangt, daß zwischen den beiden Reizstellen eine gewisse Zahl von Elementarkreisen eingeschlossen werde. So wird er zwar den Tatsachen gerecht, doch kann er sich für diese Zusatzhypothese nicht auf anatomische Befunde berufen.

Das Problem ist jedoch genau wie das des binokularen Einfachsehens psychologisch zu lösen (vgl. [S. 81 f.]). Gleiche Sinnesmeldungen bedingen nur ein psychisches Ding. Die Tastqualität aus räumlich benachbarten Tastnerven ist nun nahezu gleich. Solange sie sich darum nicht mit verschiedenartigen Eindrücken anderer Sinne verbinden kann (vgl. [S. 111 ff.]), bietet sie nicht die Grundlage zu einer Mehrheitsunterscheidung.

Zweitens hat die psychologische Theorie zu erklären, welcher Art die elementaren Raumeindrücke sind und wie aus diesen Elementen sich zuletzt der psychische Inhalt des Tastraumes ergibt. Auch hier streitet der extreme Empirismus mit einem gemäßigten Nativismus. Die oben ausführlicher dargestellte Theorie Lotzes von den Lokalzeichen und ihre Abänderung durch Wundt wird mit nur geringen Variationen auf den Tastraum angewendet. Nach ihnen enthält die elementare Tastempfindung nichts von Ausdehnung. Aber jede einzelne Tastempfindung hat je nach der Körperstelle, auf der sie ausgelöst wird, eine charakteristische Abtönung infolge der Mitempfindungen, die an jedem Teil des Körpers andere sind — eine bis zu gewissem Grade zutreffende Annahme. Die Raumwerte erwachsen diesen Tastempfindungen nur durch die erfahrungsmäßige Verbindung mit den visuellen Ortsvorstellungen: bei Reizung einer bestimmten Körperstelle wird eine qualitativ charakteristische Tastempfindung hervorgerufen, und diese weckt die visuelle Vorstellung von dem betreffenden Körperteil. Indes auf diesem Wege könnten Blindgeborene niemals zu einer Tastraumvorstellung gelangen.

Wundt gesellt darum auch hier den qualitativ eigenartigen Tastempfindungen die Bewegungsempfindungen oder genauer die Innervationsgefühle bestimmter Bewegungen zu, die von den Tastempfindungen angeregt würden. Die „psychische Synthese“ beider soll dann auch hier eine Raumanschauung erzeugen. Die innere Unwahrscheinlichkeit dieser Theorie ist natürlich beim Tastraum nicht geringer als beim Sehraum.

Man wird deshalb auch hier genau wie bei der optischen Raumwahrnehmung ein nativistisches Grundkapital zugestehen müssen. Die einzelne Tastempfindung liefert an sich schon eine räumliche flächenhafte Ausdehnung. Daß sich diese Flächenelemente nebeneinander legen, und zwar in einer bestimmten und gleichmäßigen Richtung, erklärt sich wie beim Auge (s. [S. 83]).

Bisher haben wir nur die Raumanschauung des Blindgeborenen berücksichtigt. Um die des Sehenden völlig zu verstehen, müssen wir zuvor von einer Gruppe seelischer Inhalte sprechen, die uns als solche bisher noch nicht bekannt wurden, wenn wir auch nicht umhin konnten, sie gelegentlich zu streifen: die Vorstellungen.

Literatur

C. Spearman, Fortschritte auf dem Gebiet der räumlichen Vorstellungen. ArGsPs 8 (1906).