Gegen die Mehrheit der Qualitäten aber spricht folgendes: Wenn die Gefühle etwa mit den Empfindungen wechselten, so müßte es ihrer eine unglaublich große Zahl geben. Dann wäre es aber schwer begreiflich, daß wir nur so wenige Qualitäten feststellen können, während wir doch bei den ebenfalls sehr mannigfachen und nur wenig voneinander verschiedenen Farbentönen eine gar große Zahl mit Sicherheit herausgreifen. Auch bereitet es keine Schwierigkeit, alle Arten der Lust direkt miteinander zu vergleichen. Übrigens dürfte es auch biologisch hinreichen, wenn die Gefühle nur bekunden, daß unsere Natur durch einen Eindruck angenehm oder unangenehm berührt wird, da ja die Mannigfaltigkeit der Eindrücke durch die Empfindungen ausgiebig zu Worte kommt (Külpe). So beachtenswert solche Gründe auch sind, so schließen sie die Möglichkeit nicht aus, daß einmal durch einwandfreie Beobachtungen die Mehrdimensionalität der Gefühle erwiesen wird. Leider stehen viele der bisher angestellten Versuche zu sehr unter der Herrschaft der Schule, der die Beobachter angehören.
4. Die Beziehungen zwischen Empfindung und Gefühl
Die Abhängigkeit der Gefühle von den Empfindungen wird experimentell durch die Eindrucksmethode geprüft: man läßt eine Empfindung auf die Vp einwirken und von ihr das entstehende Gefühl beschreiben. Andere Methoden erlauben ein mehr objektives Verfahren. So die Methode der Herstellung: die Vp hat etwa am Spektralapparat die ihr wohlgefälligste Farbe einzustellen. Die Methode der Wahl: aus mehreren Gegenständen, die gleichzeitig geboten sind, ist der wohlgefälligste oder mißfälligste herauszunehmen, oder alle Gegenstände sind ihrer Wohlgefälligkeit nach in eine Rangordnung zu bringen. Endlich die Reihenmethode: aus je einem Paar von Objekten ist das Gefälligere zu bestimmen; wenn dann jedes Objekt mit jedem anderen gleich oft verglichen ist, so gibt die Häufigkeit der Vorzugsurteile für die einzelnen Objekte einen gewissen Maßstab für die Lebhaftigkeit des durch sie geweckten Gefühles. Die objektiven Methoden sind allerdings weniger rein und müssen durch die subjektive ergänzt werden, um die Einflüsse der Erfahrung (den assoziativen Faktor) einigermaßen auszuschließen.
Nach den genannten Methoden läßt sich nun die Abhängigkeit des Gefühles von den Eigenschaften der Empfindung, der Qualität, Intensität und Extensität und der Dauer bestimmen. Welche Empfindungsqualitäten lustvoll, und welche unlustvoll sind, ist in der Hauptsache schon aus dem Alltagsleben bekannt: das Süße, Glatte, Warme usw. ist uns angenehm, das Bittere, Kalte, Rauhe eher unangenehm. Wichtiger ist, daß die niederen Sinne lebhaftere Gefühle hervorrufen als die höheren. Ihre Meldungen sind ja auch im allgemeinen von größerer unmittelbarer Bedeutsamkeit für das Leben, während die Gesichts- und Gehörempfindungen als Bausteine umfangreicherer Erkenntnisse zurücktreten: ob das Automobil, das mich zu überfahren droht, rot oder gelb ist, ist mir zunächst gleichgültig. Es steigert sich darum auch die Gefühlswirkung der Farben und Töne, wenn sie im Experiment isoliert geboten werden.
Die Abhängigkeit des Gefühles von der Empfindungsintensität hat Lehmann genauer untersucht. Die Empfindung muß die „intensive Schwelle“ übersteigen, d. h. sie muß eine gewisse Stärke erreichen, um überhaupt gefühlsbetont zu sein. Mit wachsender Intensität steigt dann Lust und Unlust. Während aber die Lust bei einem gewissen Intensitätsgrad ihren Höhe- und Wendepunkt erreicht, von dem aus sie abnimmt, um schließlich zur Unlust zu werden, scheint diese nur einfachhin zuzunehmen. Der Umschlag der Lust in Unlust brauchte aber nicht auf der Intensitätszunahme als solcher zu beruhen. Es dürften vielmehr allmählich andere Empfindungen hinzutreten, wie bei der Intensitätssteigerung des Lichtes der Blendungsschmerz, die unangenehm sind. — Zu bemerken ist noch, daß manche Empfindungsqualitäten, die im allgemeinen als unlustvoll gelten, stark herabgesetzt, angenehm werden, so manche Gerüche, während andere, die allgemein als lustvoll bekannt sind, bei größerer Intensität unangenehm werden, so das Süß. Beide Tatsachen lassen sich aber auch den soeben dargestellten Gesetzmäßigkeiten zwischen Gefühl und Empfindungsintensität unterordnen, wenn man annimmt, daß z. B. jene Gerüche sich für gewöhnlich in einem zu hohen Intensitätsgrade befinden.
Ähnlich wie bei der Intensität verläuft die Gefühlskurve bei der Dauer. Nachdem die Zeitschwelle überschritten ist, steigen die Gefühle an. Nach einiger Zeit tritt Abstumpfung ein, jedoch bei der Unlust später als bei der Lust. Der schließliche Wandel der Lust in Unlust scheint auch hier nur auf indirektem Wege bewirkt zu werden.
5. Verbindung und Lösung der Gefühle
Wer mehrere Gefühlsdimensionen annimmt, kann ohne weiteres die Verbindung mehrerer Gefühle aus verschiedenen Dimensionen einräumen: lustvolle Erregung, bange Spannung sind uns aus der Erfahrung wohl bekannt. Umstritten ist jedoch die Vereinigung verschiedener Gefühle derselben Dimensionen. Wundt glaubt an eine solche Verbindung zu einem Totalgefühl. Ähnlich wie nach ihm Empfindungen zu einem wesentlich neuen Eindruck verschmelzen, so vereinigen sich nach dem Prinzip der Einheit der Gemütslage die Partialgefühle nicht wie Summanden, sondern wie die Elemente einer chemischen Verbindung. Die Experimente deuten jedoch eher darauf hin, daß wenigstens Lust und Unlust sich nicht einfachhin mischen. Sie wechseln vielmehr ab, je nachdem der die Lust oder der die Unlust bedingende Eindruck beachtet wird. Dagegen dürfte eine Zusammensetzung von Teilgefühlen gleicher Qualität vorkommen, z. B. in dem Gemein- oder Lebensgefühl, das aus den verschiedenen Organempfindungen entspringt.
Von hoher Bedeutung für unser Willensleben ist die Übertragung der Gefühlstöne. Ein Ort, an dem wir Unwillkommenes erlebt, wird uns selbst unlieb u. ä. m. Man hat diese Tatsache bisweilen nach dem Schema der assoziativen Verbindung zu erklären versucht: wie sich eine Vorstellung a mit der Vorstellung b assoziiert, wenn beide gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das anderweitig verursachte Gefühl mit der Vorstellung, die zufällig gleichzeitig im Bewußtsein sind, so verknüpfe sich das an der des Ortes. Allein die Gefühle sind nicht als derartig selbständige Bewußtseinsinhalte zu erweisen. Im Gegenteil, die Unmöglichkeit, Gefühle für sich allein oder überhaupt zu reproduzieren — wir können uns wohl gedanklich daran erinnern, ein bestimmtes Gefühl verspürt zu haben, aber wir können uns jenes Gefühl selbst nur dadurch wieder anschaulich vergegenwärtigen, daß wir uns das veranlassende Erlebnis vorstellen — zeigt das Gefühl als eine Folgeerscheinung, nicht als selbständigen Vorgang. Auch die Theorie der Gefühle, zu denen die anderweitigen Beobachtungen hindrängen, verträgt sich nur schwer mit dieser Erklärung. Es dürfte vielmehr durch die Wahrnehmung des Ortes die Erinnerung an jenes Erlebnis mit angeregt werden und aus dieser mehr oder weniger bewußten Erinnerung das Gefühl stammen, das wir dann auf den Ort als seine Quelle beziehen. Denn einerseits steht fest, daß die Gefühle dem vollen Bewußtwerden der zugehörigen Vorstellungen vorauseilen, und anderseits werden wir bei der Besprechung der Assoziationen sehen, wie vielerlei Begleitvorstellungen jede Wahrnehmung wachruft. Es wäre übrigens eine bedeutsame Aufgabe, festzustellen, wieviel nur übertragene Gefühlstöne unsere Umwelt aufzuweisen hat und welches Lebensalter für diese Übertragung am empfänglichsten ist.
Die sog. Analogien der Empfindung, das „schreiende“ Rot, das „düstere“ Schwarz, die „freudigen“ Töne usw., beruhen primär nicht auf der Übertragung des Gefühlstones. Es gleichen sich vielmehr die analogen Empfindungen in den Gefühlen, die sie in uns erwecken: düstere Farben und tiefe Töne stimmen ernst, leuchtende Farben und hohe Töne erregen und heitern auf. Diese ursprünglichen Wirkungen bedingen nun ihre zweckbewußte Verwendung, und erst dieser Umstand läßt auch die Übertragung des Gefühlstones ins Spiel treten: Wir verwenden das Schwarz als Zeichen der Trauer, weil es der Trauer entsprechende Stimmungen fördert, aber wegen dieser Verbindung des Schwarz mit den Trauerfällen des Lebens vertieft sich durch Gefühlsübertragung der Stimmungswert des Schwarz.