Sehr bedeutsam für die Auffassung des Willensaktes ist endlich die Beobachtung Michottes, die sich im Grunde auch bei Ach finden läßt, daß das Wollen nicht an eine bestimmte gewissermaßen äußere Art des Erlebens gebunden ist. Das charakteristische Tätigkeitserlebnis des Wollens kann vielmehr gleichsam die Seele der verschiedensten Prozesse bilden: Worte, Gesten, inneres Meinen, inneres Hinzielen ist bald ein willentlicher, bald ein unwillentlicher Vorgang, je nachdem sich das eigentliche Wollen mit ihnen verbindet oder nicht. Anderseits sprechen gute Beobachtungen dafür, daß es ein isoliertes Wollen, einen reinen Willensakt nicht gibt: wie die Seele den Körper, so braucht der Willensakt eine Verhaltungsweise, in der er sich kundgibt.
Das von Ach und Michotte untersuchte Wollenserlebnis ist zwar nicht als elementares zu bezeichnen, sondern als vollbewußtes. Weitere Untersuchungen zeigen jedoch, daß der „Willenszug“ bei ihm der gleiche ist wie beim triebhaften Wollen. Beide unterscheiden sich nur durch das zum Willensakt hinzutretende Wissen vom Wollen und seinen Zielen. Der Trieb ist das naturhafte, nach Akt und Ziel nicht beachtete Streben.
Literatur
N. Ach, Über den Willensakt und das Temperament. 1910.
A. Michotte et N. Prüm, Etude expérimentale sur le choix volontaire et ses antécédents immédiats. Arch. de Psych., Bd. 10. 1910.
J. Lindworsky, Der Wille.³ 1923.
II. Buch
DIE VORSTELLUNGSERNEUERUNG ALS GRUNDLAGE DER HÖHEREN PSYCHISCHEN LEISTUNGEN
Verfügten wir nur über die bisher aufgezählten Fähigkeiten des Seelenlebens, dann wäre ein nennenswerter Fortschritt nicht zu erreichen. Ein ungefähres, aber längst nicht ausreichendes Bild von der Hilflosigkeit eines solchen Geistes gibt uns der Zustand greisenhafter Gedächtnisschwäche, bei der kein neuer Eindruck haften bleibt. Die psychologische Tatsache also, die wir bei der Analyse und Erklärung der bis jetzt beschriebenen Bewußtseinserscheinungen ganz oder fast ganz unbeachtet ließen, die wir jedoch bei der Besprechung der höheren Leistungen nicht mehr missen können, ist die Tatsache der Vorstellungserneuerung. Wenn wir wie immer von dem unmittelbar Gegebenen ausgehen, dann treffen wir bei dem Erwachsenen die Überzeugung, daß uns früher Erlebtes wieder in den Sinn kommt. Die erkenntniskritische Frage, ob diese Erinnerungen mit der tatsächlichen Vergangenheit übereinstimmen, und die erkenntnispsychologische Frage, wie es überhaupt zu dem Bewußtseinsinhalt „mein früheres Erlebnis“ kommt, darf an dieser Stelle ausgeschaltet werden.
ERSTER ABSCHNITT
Die allgemeinen Gesetze der Vorstellungserneuerung
1. Die Wiedervergegenwärtigung vergangener Erlebnisse ist eine überaus mannigfache, allzu mannigfach, so möchte es scheinen, als daß sie sich irgendwelchen Gesetzen einordnen ließe. Fragen wir uns aber zunächst einmal nach den Erlebnisarten, die sich reproduzieren lassen, so vermissen wir darunter alsbald Willensakte und Gefühle. Wir erinnern uns zwar an die Tatsache, daß wir einen Entschluß gefaßt haben und daß wir traurig waren, ja bei dem Gefühl ist noch etwas mehr vorhanden: taucht die Erinnerung an den Anlaß der früher erlebten Trauer auf, dann werden wir aufs neue traurig, aber dieses Gefühl trägt nicht den Erinnerungscharakter, wie die es veranlassende Vorstellung. Auch sind wir nicht imstande, ein Gefühl unmittelbar und für sich wieder lebendig zu machen, sondern müssen uns zuvor an seinen Anlaß erinnern. Diese Unmöglichkeit, sich des Gefühles zu erinnern, stimmt auch ganz zu der theoretischen Auffassung, die wir uns über das Wesen des Gefühls bildeten, ebenso wie es in der Natur der Akte (des Erkennens und Wollens) liegt, nicht reproduzierbar zu sein. Es bleiben somit für die Reproduktion übrig jene Eindrücke, die unmittelbar von Empfindungen herrühren. Es hat sich aber bei Reproduktionsversuchen gezeigt, daß nicht nur die sinnlichen Eindrücke wieder ins Bewußtsein gerufen werden können, sondern auch die Beziehungen, die wir an ihnen entdeckt haben: wir erinnern uns auch an Sachverhalte. Oft ist es sogar zunächst ein Sachverhalt, der sich bei der Bemühung um eine Reproduktion einstellt: so besinnen wir uns auf einen Namen und finden zunächst, er sei ganz ähnlich einem anderen. Es muß hier allerdings noch dahingestellt bleiben, ob die Reproduktion eines Sachverhaltes gleich unmittelbar ist wie die von sinnlichen Eindrücken.