W. Poppelreuter, Über die Ordnung des Vorstellungsablaufes. APs 25 (1912).
J. Lindworsky, Beiträge zur Lehre von den Vorstellungen. APs 42 (1921).
ZWEITER ABSCHNITT
Die Assoziation als Grundlage der Reproduktion
Die Tatsache, daß früher gewonnene Eindrücke wieder aufleben, nötigt zur Annahme, solche Eindrücke oder Wahrnehmungen seien nicht einfachhin verloren gegangen, sondern würden irgendwie in uns unbewußterweise aufbewahrt. Die weitere Tatsache, daß das Bewußtwerden eines Teiles einer früheren Wahrnehmung die Bedingung für das Bewußtwerden des übrigen Teiles ist, beweist, daß zwischen den Teilen der Gesamtwahrnehmung irgendwelche Verbindung besteht. In früheren Zeiten, wo man diese Teile der Gesamtwahrnehmung als in sich abgeschlossene Vorstellungen oder gar Ideen auffaßte, prägte man die Bezeichnung „Vorstellungs-“ oder gar „Ideenassoziation“. Wir können den Ausdruck Assoziation der Vorstellungen beibehalten, ohne deshalb die einzelnen Vorstellungen fälschlich als in sich abgeschlossene Dinge zu nehmen. Es fragt sich nunmehr: wie kommt jene Aufbewahrung der früheren Eindrücke und die Verbindung ihrer Teile zustande? Sind sie dem Untergrund des Bewußtseins, etwa der substantiellen Seele zuzuschreiben oder den Gehirnvorgängen oder beiden? Eine endgültige Antwort auf diese Frage kann die experimentelle Psychologie nicht geben. Sie kann aber das Tatsachenmaterial vorlegen, auf das sich jeder verständige und wissenschaftliche Lösungsversuch zu stützen hat. An dieser Stelle nun dürfen wir die Berücksichtigung der körperlichen Vorgänge, die mit den seelischen in Verbindung stehen, nicht länger umgehen.
1. Kap. Gehirn und Bewußtsein
1. Das Nervensystem
Die Reizung der Sinnesorgane, des Auges, der Haut usw. bedingt einen seelischen Eindruck. Diese Sinnesorgane sind nun, wie die Anatomie nachweist, durch feinste Verbindungen, die Nerven, an das Zentralnervensystem, d. h. an das Rückenmark, das verlängerte Mark und das Gehirn, angeschlossen: die Durchschneidung dieser Verbindung macht das Auftreten einer Empfindung unmöglich. Diese Verbindung der Peripherie mit dem Zentrum ist aber nicht eine ununterbrochene Leitung, sondern setzt sich aus mehreren Neuronen ([Fig. 6]) zusammen. Das Neuron besteht aus einer Nervenzelle (Ganglienzelle) und deren Fortsätzen, nämlich den kürzeren Verästelungen (Dendriten) und dem langen Achsenzylinder, durch den sich die Erregung der Ganglienzelle fortpflanzt. An seinem freien Ende splittert sich der Achsenzylinder in feine Endbäumchen auf, die sich manchmal wie ein korbartiges Geflecht um die Ganglienzelle eines anderen Neuron legen. Somit scheint die Übertragung der Nervenerregung nicht durch direkte Leitung, sondern durch eine Art Induktion zu erfolgen.
Fig. 6. Schema eines Neuron (nach E. Becher, Gehirn u. Seele. C. Winters Verlag. Heidelberg). K Kern der Ganglienzellen, d Dendriten, n Achsenzylinder, k seitliche Fortsetzung, e Endbäumchen.
Nicht immer wird die von der Körperoberfläche kommende Erregung bis zum Gehirn fortgeleitet. Dringt sie z. B. durch die hintere (sensible) Wurzel eines Rückenmarksnerven in das Rückenmark, so kann sie dort schon auf einen motorischen Nerv übertragen und durch die vordere (motorische) Wurzel der Rückenmarksnerven wieder nach außen, und zwar zu einem Muskel, geführt werden, der sich alsbald bewegt, wenn ihn die Erregung trifft. So entsteht der einfache Reflexbogen ([Fig. 7]) der Rückenmarksreflexe, die ohne jedes Bewußtsein verlaufen. Sie funktionieren, auch wenn man das Groß- und das Mittelhirn abgetrennt hat. Ist der periphere Reiz stärker, so beschränkt er sich nicht auf diesen einfachen Bogen. Er steigt vielmehr im Rückenmark auf ein höheres Niveau und erregt dort einen motorischen Nerven. Darum fängt der geköpfte Frosch allmählich mit allen Gliedmaßen zu strampeln an, wenn man eine Hautstelle stärker und stärker reizt. Die stärksten Sinnesreize gelangen bis zur dünnen (3–5 mm beim Menschen) Gehirnrinde. In ihr befinden sich ungezählte Ganglienzellen, die ihr die graue Färbung verleihen, während die markhaltigen Leitungsfasern (Achsenzylinder) dem Durchschnitt der Leitungsstränge, zu denen sie sich vereinigen, ein weißes Aussehen geben. Die Ganglienzellen der Hirnrinde stehen auch untereinander durch die sogenannten Assoziationsfasern in Verbindung. Soviel man heute weiß, entspricht nur der Erregung der grauen Hirnrinde ein Bewußtseinsvorgang.