A. Mager, Die Enge des Bewußtseins. 1920.

b) Die Vorstellungsbewegung

Die innere Willenshandlung gliche dem Vogel im Käfig, könnte sie sich nur in der Aufmerksamkeitsbewegung verwirklichen, sie wäre dann stets auf das unmittelbar Gegebene beschränkt. Es ist uns aber ermöglicht, entsprechend unseren Absichten und Willenstrieben in unseren Gedanken und Vorstellungen voranzuschreiten, und zwar sowohl in gebundener wie in freier Vorstellungsbewegung.

1) Die gebundene Vorstellungsbewegung. Unter einer gebundenen Vorstellungsbewegung verstehen wir die unter der Leitung einer Aufgabe stehenden Gedankengänge. Hier sind namentlich drei Fragen zu beantworten: Woher der Fortschritt? Woher die Zielstrebigkeit? Woher die Grenzen?

Die Ausgangsvorstellung bei der gebundenen Bewegung ist die Aufgabe. Wir haben sie schon oben als antizipierendes Schema aufgefaßt. Mit diesem antizipierenden Schema sind sowohl die Methoden zur Lösung der Aufgabe wie auch jene Vorstellungen assoziiert, die das Material zur Lösung bieten. So verbindet sich mit der Aufgabe, die Jahreszinsen von 1200 Mark zu 4% zu berechnen, die bekannte Methode der Regeldetri, und mit der dabei verwendeten Vorstellungsgruppe 4. 12 ist die Vorstellung 48 zu einem Komplex verbunden. Es fragt sich nun: wie kommt es von dem antizipierenden Schema der Aufgabe zur Reproduktion der zugehörigen Methode? Die Antwort wurde schon bei der Behandlung des produktiven Denkens ([S. 191 f.]) gegeben: Das antizipierende Schema entfaltet sich nach den Gesetzen der Komplexergänzung, doch unter ganz wesentlichem Einfluß der zielstrebigen Aufmerksamkeit, d. h. also des Willens, der die Richtung der Vorstellungsentfaltung mitbestimmt. (Vgl. S. [229 ff.]) Denn nicht alle antizipierenden Schemata sind so eindeutig mit einer erfüllenden Vorstellung verknüpft wie die als Beispiel genannte Rechenaufgabe. Sind mehrere erfüllende Vorstellungen mit demselben antizipierenden Schema verbunden, so entscheidet die zufällige höhere Bereitschaft (Konstellation), welche Komplexergänzung eintritt. Dank der kontrollierenden Relationserfassung wird nun alsbald erkannt, ob die reproduzierte Vorstellung der Lösung der Aufgabe dient, d. h. ob zwischen den Forderungen der Aufgabe und den Eigenschaften des Lösungsvorschlages Gleichheit besteht. Wenn dies nicht zutrifft, müssen Methoden zur Abänderung auftauchen und gewählt werden, oder man beginnt die Aufgabe von neuem. Der Fortschritt in der gebundenen Vorstellungsbewegung kommt sonach von dem Willen zur Lösung, die Zielstrebigkeit von der im Bewußtsein festgehaltenen Absicht, und die Grenze der Vorstellungsreihe wird entweder mit dem die Lösung begleitenden Erfüllungsbewußtsein erreicht oder mit der Einsicht, daß die zur Lösung erforderlichen Vorstellungen versagen, „es fällt einem nichts mehr ein“ oder auch dadurch, daß die Absicht zur Aufgabelösung verlassen wird oder gar dem Bewußtsein entfällt.

Literatur

O. Selz, Die Gesetze des geordneten Denkverlaufs. 1913.

J. Lindworsky, Das schlußfolgernde Denken, II. Teil, 1916.

O. Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens. 1922.

2) Die freie Vorstellungsbewegung. Die Phantasie.