F. Heiler, Das Gebet. 2. Aufl. 1920.
V. Buch
AUSNAHMEZUSTÄNDE DER SEELE
ERSTER ABSCHNITT
Der Schlaf
Der Schlaf ist zweifellos in erster Linie ein eigenartiger Zustand unseres Organismus. Dennoch ist er, abgesehen von den unwesentlichen sichtbaren Erscheinungen der veränderten Körperhaltung, Augenstellung, Atmung, Blutverteilung, die wir hier nicht berücksichtigen, uns besser nach der psychischen als nach der physiologischen Seite bekannt. Psychologisch erscheint er uns als eine charakteristische Störung, Herabsetzung und Unterbrechung der uns wohlbekannten Seelentätigkeit im Wachzustand, und namentlich als eine weitgehende Ausschaltung der Bewegungsfähigkeit. Der Schlaf wird herbeigeführt durch gewisse Schlafreize, vorab durch Ermüdung, dann durch Ruhe, Dunkelheit und gleichförmige Reize. Aber auch der Anblick des hergerichteten Lagers und der Wille zu schlafen ruft ihn herbei, wie umgekehrt lebhafte Vorstellungen und die Absicht, wach zu bleiben, den Schlaf verscheuchen. Nach einer kurzen Spanne der Schläfrigkeit, die bei manchen Individuen von lebhaften Schlummerbildern erfüllt ist — traumartige Gebilde, die häufig durch äußere Reize ausgelöst werden —, überfällt uns der eigentliche Schlaf, ohne daß wir den genauen Zeitpunkt seines Eintrittes erhaschen könnten.
Man hat den Verlauf des Schlafes, insbesondere seine Tiefe, mittels verschiedener Methoden bestimmt. So suchte man zunächst nach der Weckschwelle: wie stark muß der Weckreiz sein, um den Schläfer nach verschiedenen Schlafzeiten zu wecken? Zweitens fragte man: wie schreitet die Erholung für verschiedene Arbeiten, wie Addieren, Auswendiglernen, mit der Länge des Schlafes voran? Endlich prüfte man verschiedene Funktionen: die Erschlaffung der Muskeln, die Erregbarkeit für Reflexe. Das Verhalten des Schläfers ist in den verschiedenen genannten Beziehungen nicht gleich. Hinsichtlich der Weckschwelle fand man zwei Typen: der Morgenarbeiter versinkt alsbald (nach etwa einer Stunde) in den tiefsten Schlaf, während der Abendarbeiter erst nach zwei Stunden oder später die größte Schlaftiefe erreicht. Die Erholung für leichte Arbeit wird sehr bald (½ Stunde), für schwere Arbeit erst nach mehreren Stunden gewonnen. Die Muskelerschlaffung steigt allmählich an und verbleibt in diesem Zustand bis zum Erwachen. Die Reflexe sind zu Beginn und Ende des Schlafes unvermindert, in der mittleren Periode hingegen am meisten herabgesetzt.
Sehr umstritten ist die Frage, ob im Schlafe jemals das Bewußtsein gänzlich aussetze, mit andern Worten, ob es einen völlig traumlosen Schlaf gebe. Die meisten Traumforscher sind geneigt, dies abzulehnen. Wann immer sie sich wecken ließen, vermochten sie sich an ausführliche Träume zu erinnern; am wenigsten freilich im Tiefschlaf. Wenn auch diese Beobachtungen größeres Gewicht haben als z. B. die Aussagen Lessings, der von sich behauptete, er träume nie, so sind sie doch nicht endgültig beweisend für die Frage, ob niemals wenigstens ein Teil des Schlafes traumlos sei. Denn der Weckreiz könnte sehr oft die Veranlassung eines Traumes sein, und die Gewohnheit der systematischen Traumbeobachtung dürfte die Disposition zum Träumen verstärken. Dagegen läßt die Tatsache, daß der Schlaf das Bewußtsein um so mehr einschränkt, je tiefer er ist, die Möglichkeit offen, daß er es in seiner tiefsten Periode ganz ausschaltet.
Eine befriedigende Theorie des Schlafes kann heute noch nicht entworfen werden. Sie hat namentlich folgende scheinbar sich widersprechende Tatsachen zu berücksichtigen. Der Schlaf hängt von psychischen Faktoren ab; denn der Wille zu schlafen ist von sehr großem Einfluß. Ferner tritt auch ohne körperliche Ermüdung Schlaf ein, wenn man bei Tieren alle Sinnesreize ausschließt — etwas Ähnliches begegnete einem an Anästhesie leidenden Kranken Strümpells: er schlief ein, sobald man ihm seine einzigen Sinnespforten, die Augen, zuhielt. Andererseits sind die physiologischen Faktoren nicht zu unterschätzen; denn großhirnlose Tiere, also Tiere ohne Bewußtsein, wachen und schlafen mit großer Regelmäßigkeit.
Die bisherigen Theorien widersprechen darum auch einander in vielen Stücken. Manche betonen das Psychische auf Kosten des Physischen, andere begehen den umgekehrten Fehler. Von den physiologischen Theorien lassen die einen den Schlaf auf Hyperämie, die andern auf Anämie, wieder andere auf einer Vergiftung des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe, andere durch eine Lähmung der Zellen infolge einer inneren Sekretion beruhen. Großen Anklang fand die Theorie Claparèdes. Der Schlaf ist nach ihm eine positive Leistung der Seele, und zwar eine Instinkthandlung, mit der sie sich vor Erschöpfung schützt. Die mannigfachen Ähnlichkeiten, die zwischen dem Schlaf und den Instinkthandlungen bestehen, sollen diese Auffassung begründen. Wie der Instinkt, so ist der Schlaf zweckmäßig, ohne daß wir ihn, zunächst wenigstens, seiner erkannten Zweckmäßigkeit wegen aufsuchten. Er paßt sich ferner den Umständen an, läßt sich verschieben, wenn andere lebenswichtige Interessen den Wachzustand fordern. Allein der bestechende Gedanke hält einer genaueren Prüfung nicht stand. Der Schlaf hat wohl hinsichtlich seiner Zweckmäßigkeit mancherlei Ähnlichkeit mit den Instinkthandlungen, indes das trifft auch auf viele vegetative Vorgänge zu: bei einer Verletzung der Pflanze werden die Ernährungstätigkeiten zweckmäßig abgeändert, und alle Teile des Lebewesens steuern zur Heilung des verletzten Gliedes bei. Verständigerweise wird hier niemand von einem Pflanzeninstinkt reden; denn es fehlt geradeso wie beim Schlaf das wichtigste Glied des Vergleiches, die bewußte Tätigkeit. Instinkthandlungen sind bewußte Tätigkeiten. Der Schlaf erscheint uns hingegen durchaus als ein Zustand, nicht als bewußte Tätigkeit. Die Vorbereitungen zum Schlafen sind allerdings bei vielen Tieren Instinkthandlungen. Die Instinkttheorie empfiehlt sich auch darum nicht, weil sie jedem tieferen Eindringen gar zu leicht im Wege steht. Sobald wir einen Instinkt feststellen müssen, sind wir in der Regel bei einem letzten Datum angelangt. Fassen wir nun den Schlaf als Instinkt, dann sind wir nicht wenig geneigt, so eigenartige Tatsachen wie das Erwachen des Müllers beim Stehenbleiben der Mühle, das Erwachen zu einer vorausbestimmten Stunde schlechtweg als Leistungen des Instinktes zu erklären.
Wir ziehen es darum vor, uns mit einer Rahmentheorie des Schlafes zu begnügen, deren Ausfüllung wir der zukünftigen Forschung überlassen. Die erste und normale Bedingung für den Eintritt des Schlafes ist die Ermüdung. Die Natur läßt es aber nicht zu einer völligen Vergiftung des Gehirnes durch die Ermüdungsstoffe kommen, sondern sobald diese ein gewisses Quantum erreicht haben, wirken sie als Reiz für einen Ausschaltungsmechanismus, der vor allem den am meisten Energie verbrauchenden Bewegungsapparat zur Ruhe bringen soll. Die Ausschaltung entzieht aber überhaupt den höheren Zentren des Nervensystems die zur normalen Betätigung erforderliche psychophysische Energie, und zwar um so mehr, je mehr das Individuum gerade schlafbedürftig ist. Der kleine Rest von psychophysischer Energie, der in den höheren Zentren verbleibt, reicht aus für das Traumleben, ist aber in der Regel zu gering, um von den Sinneszentren nach den motorischen überstrahlend diese wirksam zu erregen.
Den Ausschaltungsmechanismus kann man sich als eine vasomotorische Erregung denken, die entweder Hyper- oder Anämie herbeiführt; man kann ihn aber auch in einer inneren Sekretion bestehen lassen. Damit werden wir den physiologischen Erscheinungen gerecht. Der Ausschaltungsmechanismus muß aber zweitens derart sein, daß sich zwischen ihm und den Begleitumständen, in denen er für gewöhnlich in Tätigkeit versetzt wird, eine Assoziation herausbilden kann. Eine solche Assoziation entsteht z. B. zwischen dem Erröten und den Begleitumständen, in denen es erlebt wird. Ebenso zwischen mancherlei an sich rein physiologisch bedingten Absonderungs- und Ausscheidungsprozessen und den bewußt gewordenen Begleitumständen. Da nun der Ausschaltungsmechanismus in der Regel bei Dunkelheit, in der Nähe der Lagerstätte usf. funktioniert, so bildet sich zwischen diesen Wahrnehmungen und der genannten Funktion eine assoziative Verknüpfung, und darum werden wir schläfrig, sobald wir das aufgedeckte Bett vor uns sehen. In derselben Weise erklärt sich das Einschlafen der Tiere, deren Sinneswahrnehmungen man ausschließt. Das Erwachen beruht dann auf dem umgekehrten Prozeß. Da der Energieverbrauch geringer ist als die Nahrungszufuhr, so erholt sich das Gehirn; es sammelt psychophysische Energie. Ist sie hinreichend groß geworden, so vermag die durch einen kleinen Reiz im Sensorium hervorgerufene psychophysische Erregung die Ausschaltung zu überwinden, indem sie auf die motorischen Zentren überstrahlt. Ist das Gehirn jedoch noch wenig erholt, so reicht ein schwacher Reiz dazu nicht hin, ein starker Reiz hingegen sammelt den trotz der Ausschaltung im Gehirn verbliebenen Energierest und dringt mit ihm bis zu den motorischen Zentren vor. Die Intensität eines Reizes läßt sich nun durch seine Bedeutung oder richtiger durch die aus der Bedeutung stammenden Dispositionen ersetzen. Hat uns eine Sache viel beschäftigt, so gehört zu ihr ein Komplex wohlgebahnter Dispositionen, die eine rasche Sammlung der psychophysischen Energie und eine leichtere Überleitung in die zugehörigen motorischen Zentren erlauben. Und darum dürfte die neben dem Kind schlafende Mutter so schnell erwachen, wenn das Kind nur ein wenig unruhig wird, während sie weit stärkere Geräusche unbeachtet läßt. — Das Aufwachen des Müllers, wenn die Mühle stehen bleibt, und das Erwachen zur festgesetzten Stunde können wir jedoch erst erklären, wenn wir den Traum besprochen haben.