Da der Weg zur Schule sehr weit war, bestellten die Eltern einen vorgerückteren Schüler als Mentor, welcher ihren Ludwig täglich gegen eine kleine Vergütung abholen und wieder heimbringen mußte. Obwohl er Gabriel hieß, hatte er mit einem Schutzengel doch keine Ähnlichkeit, sondern war für Ludwig ein grausamer Tyrann, ja entpuppte sich zuletzt als ein Verführer. Eines Tages wollte er den Kleinen zwingen, einem Trödler, bei dem sie auf dem Schulwege vorüberkamen, ein Buch für ihn abzustehlen. Ludwig gab unter vielen Tränen seinen schändlichen Drohungen nach und brachte ihm das Gewünschte; er gestand es aber sogleich den Eltern und wurde nun von dem gewissenlosen Menschen befreit. Als er später mit dem ersten Künstlerruhm von Rom zurückkehrte, fand er diesen Gabriel als Brezeljungen an einer Straßenecke stehn. Unehrliche Leute bringens im Leben nicht weit. – Bald nach genanntem Vorfall wurde Ludwig selbst der Führer seines jüngern Bruders Willibald, der in die gleiche Schule kam; treulich wartete er auf ihn bis seine Klasse aus war, und ging dann Hand in Hand mit ihm dem Elternhause zu. Drollig sahen die beiden Brüder im Winter aus, da sie in gleichen Pelzmützen und in gleichen Mänteln prangten, aus Großvaters altem braunen Kapuzinerkuttenmantel gefertigt. Dazu trug jeder ein Paar Fausthandschuhe, an grünen Bändern befestigt. Und wenn sie so mit ihren Ränzeln ehrbar nach Hause wanderten, dann kam ihnen wohl eine Schar evangelischer Knaben in den Weg, titulirten sie: »katholische Möpse« und begannen ein Handgemenge. Schneeballen flogen, Lineale und Bücher dienten als Waffen – aber zuletzt wurden die »Katholischen« aufs Haupt oder auf die Pelzmütze geschlagen und mußten unter Hohngeschrei der »Evangelischen« den Rückzug antreten.

Ergötzlicher waren die vielen in Läden ausgestellten Bilder und Raritäten, an denen der Schulweg vorbeiführte. Der höchste Kunstgenuß aber wurde unserm Ludwig zu Teil, als eines Tages der Vater einen großen Pack mit Kupferstichen und Zeichnungen heim brachte, die er von den Erben eines verstorbenen Künstlers billig erstanden hatte. Manche Stunde saß nun das Söhnlein vor den schönen Bildern, lauschte mit Begier den Erklärungen des Vaters, welcher darüber ganz gesprächig wurde, und so erwuchs, ihm selber unbewußt, eine Liebe zur Kunst in ihm, die später die schönsten Früchte bringen sollte.


3. Kriegszeiten.

An einem schwülen Sommerabend des Jahres 1811 standen die Dresdener in Gruppen auf der Straße und sahen zum Himmel. Ludwig und sein Vater gesellten sich zu ihnen. Sie schauten – den Kometen, einen großen Stern, der mit langem Feuerstreif unheimlich geisterhaft über den dunkeln Häusern schimmerte und die Gemüter mit Bangen erfüllte. Man erblickte darin ein Anzeichen neuer großer Kriege, die über die beunruhigten Völker heraufziehen würden.

Hielt doch seit Anfang des Jahrhunderts der Franzosenkaiser Napoleon I. ganz Europa in Aufregung und Kriegsnot. Und jetzt eben stand ein neuer gewaltiger Kriegszug bevor – gegen Rußland.