Vielleicht wäre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten, wenn man sich dazu hätte entschließen können, dem damals herrschenden Geist der Reaktion Zugeständnisse zu machen. Aber das wollte man nicht. „Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu überlassen, als einen Kompromiß mit der alten Welt zu machen.“ Die Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: „Die Erfahrung war gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur völligen Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und zum Besitze aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur Verwirklichung getreten: Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben. Wir zweifelten nicht, daß viele von denen, welche seine erste Inkarnation in unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen würden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt.“

Diese Hoffnungen erfüllten sich – durch Henriette Goldschmidt.

Eine der Mitbegründerinnen der Hamburger Frauenhochschule – und zugleich eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise – Emilie Wüstenfeld – stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persönlich und Henriette Goldschmidt nannte später Emilie Wüstenfeld „ihre liebe Gesinnungsgenossin“, da diese, ebenso wie sie selbst, „eine Reform der Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage für die Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend als notwendigen Ausgangspunkt für den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit für notwendig hielt,“ vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb eine „liebe Gesinnungsgenossin“, weil Emilie Wüstenfeld Henriette Goldschmidts Überzeugung teilte, „daß dieser Ausgangspunkt in der glücklichsten Weise in der Pädagogik Fröbels vorhanden“ sei.

Das also war die historische Grundlage für Henriette Goldschmidts Idee einer Frauenhochschule.

Im Jahre 1910 endlich – sie war inzwischen 84 Jahre alt geworden – erhielt Henriette Goldschmidt eine große Stiftung zur Verwirklichung ihres Gedankens.

Und nun ging sie ans Werk.

Bereits im Oktober 1911 konnte die neue Anstalt in ihrem stattlichen Heim zu Leipzig eröffnet werden.

Klarer und zielsicherer als einst die Hamburger Frauenhochschule wollte die Leipziger Anstalt den großen Gedanken Fröbels verwirklichen, den Gedanken, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven Tätigkeit zu entheben und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitpflegenden Bestimmung ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben. – Das erste (von Henriette Goldschmidt entworfene) Programm der neuen Anstalt verkündete daher: „Die Hochschule will

1.
der Frau für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes eine auf gründlicher Einsicht beruhende Vorbereitung geben und

2.
die Frau befähigen, sich den mannigfaltigen gemeinnützigen Aufgaben, die ihr innerhalb der Gemeinde des Staates und der Gesellschaft erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die Bedürfnisse der Gegenwart zu widmen.“