Ich sitze auf einem Korinthenfaß und sehe zu, wie Herr Haberland verkauft.

Wunder meinte ich, wie früh ich heute aufgestanden wäre, aber Herr Haberland ist nun schon reichlich eine Stunde auf den Beinen und hat hinter seinem Ladentisch alle Hände voll zu thun.

Es geht mir so durch den Sinn: ich weiß nicht, ob es gerade nötig ist zu wissen, daß es einen lieben Gott giebt: sicher ist es von nöten, daß zum Beispiel Herr Haberland heute für so und so viel Reichsmark Ware umsetzt. Vielleicht komme ich darauf, weil Herr Haberland so privatim ein bißchen Freigeist ist; vielleicht aber bringt mich auch seine Geschäftigkeit auf diesen Einfall.

Denn das ist ein wahres Vergnügen, ihm zuzusehen!

Diese nervöse Beweglichkeit paßt ganz zu einem Wuchs: die Ladentischkante reicht ihm bis über den Bauch, der übrigens ein sehr diskreter Bestandteil seiner Persönlichkeit ist und sich in diesem Augenblicke hinter der grünen Schürze verbirgt. Die grüne Latzschürze mit der Messingkette. — Wer hat in seinem Leben noch nicht einen kleinstädtischen Krämer in dieser Schürze vor seiner Ladenthür das duftende Kaffeesieb schwenken gesehn! — Es ist einer der herzerquickendsten und weltversöhnendsten Anblicke, die man genießen kann! — Immer hat Herr Haberland übrigens diese Schürze nicht vorgebunden. Aber er will nachher, wenn seine Madame aufgestanden sein wird, hinten in der Niederlage noch Petroleum auf Flaschen füllen; denn er verkauft Petroleum nicht direkt vom Faß, sondern in Flaschen; eine Neuerung im Petroleumverkauf, die sehr praktisch sein soll, und die er, findiger Kopf und Fortschrittsfreund, der er ist, da neulich von einer Geschäftsreise nach der nächsten Großstadt hierher nach Dingsda importiert hat.

Aber nichts Prachtvolleres als sein Kopf! Dieser mächtige Schädel mit diesem geweckten vifen Gesicht! Eine hohe kahle Stirn, und schlichtblondes Haar rahmt eine Glatze ein, rund und spiegelnd wie eine Billardkugel. Aber sie ist jetzt nicht zu sehn, denn Herr Haberland hat seine graue Ladenmütze auf. Eine runde Kappenmütze mit einem gewaltigen Schirm, der spitz wie ein Schnepfenschnabel vorspringt. Er hat sie schief und verwogen auf der linken Seite, und sie ist tief heruntergezogen. Unter der behaglichen Nase starrt eine rote Schnurrbartraupe, und vor den gescheiten grauen Augen funkeln und blitzen die beiden Brillengläser.

Und dieser Blick vor allem! Dieser Blick! Noch nie hab’ ich mein Lebtag einen so komplizierten Blick gesehn! — Da ist Humor, Leutseligkeit, diskrete Ironie und Witz, denn die Kunden werden von Herrn Haberland in ihren diversen charakteristischen Eigentümlichkeiten ebenso genossen, wie sie von ihm unterhalten sein wollen und müssen; da ist vor allem „das Geschäft“; da ist eine unwillkürliche Aufmerksamkeit, daß die Ware richtig verabreicht wird, und das alles und wer weiß, was noch? liegt in diesem Blick...


Vornehmlich hat Herr Haberland augenblicklich hinter dem kleinen Branntweinausschank zu thun, denn die ersten Kunden des Tages sind zu bedienen, und das sind die Arbeiter, die in aller Frühe in die Kalksteinbrüche hinausmüssen, weit draußen in den Thalsenkungen der Berge. Dort arbeiten sie den lieben langen Tag über bis in den Abend hinein für ihre anderthalb oder zwei Mark, und da ist es begreiflich, daß sie sich ihren „Schluck“ mitnehmen müssen, der von Herrn Haberland sehr geschickt aus der großen Glasflasche in die Zinnnöselchen und aus ihnen in das Fläschchen praktiziert wird, das sie ihm hinreichen. — Natürlich holen sie auf Borg. Sie kommen dann aber auch noch mal am Abend mit vor; und dann stehen sie vor dem Ladentisch oder sitzen auf der Bank an der hellgetünchten Wand und „genehmigen“ sich noch „einen“ vorm Schlafengehen, und wer’s von ihnen etwas näher an den Nabob heranhat, leistet sich wohl auch noch den Luxus einer Fünfpfennigcigarre. Am Sonnabend wird dann alles „glatt gemacht“.

Also diese Arbeiter. — Es ist selbstverständlich, daß sie alle nach der Reihe Sozialdemokraten sind. Deshalb ist Herrn Haberlands Benehmen augenblicklich im allgemeinen auch etwas reservierter. In etwas! Denn es ist selbstverständlich, daß das „Geschäft“ die Hauptsache ist.