Wie ich im Flur bin und im Begriff stehe, auf den kleinen Hof hinauszutreten, wo es trotz des sonnigen Herbsttages „etwas kühler“ ist, fällt mir so ein, wie ich vor ein paar Jahren an einem schönen Spätsommerabend die gute Madame Haberland einmal aus der Stadt hier heraus begleitete. Wir waren eben über die Schloßgrabenbrücke aus dem dunklen Thorgang in die Bergfreiheit herausgetreten, da stand der Sommermond groß und voll zwischen den beiden uralten Schloßtürmen und alles lag weithin in seinem Glanz. Madame Haberland, die wohl etwas verschnaufen wollte, blieb stehen; und da sagte sie, ihr rundes Gesicht freundlich zu dem schwesterlichen Gebilde hinaufgewandt: „Luna lacht...“
Programm.
Aufs Land gehen. Das heißt Weltflucht, Flucht vor dem großstädtischen Verkehr und seinen nervenzehrenden Zerstreuungen, Umgang mit der Natur, Einsamkeit. Aber eigentlich bin ich nicht gerade hierhergegangen, um den lieben Nächsten zu fliehen.
Der heilige Tertullian, oder ist’s Augustin? kurz eins von jenen großen Kirchenlichtern meint: du wirst etwas mehr aus der Natur, von Bäumen und Waldblumen lernen als aus den Büchern. Das mag schon seine Richtigkeit haben: aber für diesmal nichts davon, denn: „crede experto“: das Schlußstück ihrer Weisheit ist, daß sie Dich vermittelst einer gründlichen Langeweile doch wieder zu dem lieben Nächsten zurücktreibt. — Und gerade der ist’s, den ich nichts weniger als meiden wollte. Nur das, was man — dieu m’en préserve! — Saison zu nennen pflegt, mit Gesellschaften, Soiréen, mit diesen dummen Theateraufführungen und Konzerten; diese Buchhändlerläden mit ihren kunterbunten Büchertitelbildern, die mit jedem Tag verschrobener werden. Da mag ich ihn nicht, wo er wimmelt wie in einem Termitenbau. Aber hier, wo er abseits in einfachen Verhältnissen als Bauer und Halbbauer hinlebt, hier will ich ihn haben, will mich seines Umganges erfreuen und von ihm lernen.
Ich werde in diesen Tagen meinen lieben alten Freund, den Herrn Aktuarius Nerrlich aufsuchen, werde in der Weise von ehedem, denn er ist in dieser Hinsicht so wunderbar jugendlich und frisch geblieben, mit ihm über Politik, Kunst und Freisinn plaudern und mich von ihm seinem Stammtisch zuführen lassen im „Goldnen Stern.“ Wir werden uns Anekdoten erzählen, Stadtklatsch treiben, Cigarren rauchen, Bier trinken und Kegel schieben. Nein: es wird gar keine Zeit sein, Langeweile zu haben, denn nie bin ich mehr aufgelegt gewesen, alle derartigen „Bagatellen“ und sogenannten Spießbürgerkram ernster zu nehmen als derzeit. — Ich werde mit Nachbar Schraube, dem Fischermeister, auf den See hinausfahren, Fische angeln und Netze legen, ich werde mit Herrn Haberland hinten in der Niederlage Bier und Petroleum auf Flaschen ziehen, und mein Herz soll meinen lieben Mitmenschen in keiner Weise verschlossen sein. —