Paulus, der einen besonders tiefen Einblick in Gottes Erlösungsplan hatte, spricht zweimal von der Taufe als von einem Begräbnis. Diese Ausdrucksweise gibt uns vollständig den richtigen Sinn des Wortes „untertauchen“. Der Ausdruck wäre aber keinesfalls gut gewählt, wenn beabsichtigt würde, „besprengen“ oder „begießen“ darzustellen. „So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf daß, gleichwie Christus ist auferweckt von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.“[103] Ebenso auch in Kol. 2, 12: „Daß ihr mit ihm begraben seid durch die Taufe; in welchem ihr auch seid auferstanden durch den Glauben, den Gott wirket, welcher ihn auferweckt hat von den Toten.“ Der Sinn dieser Stelle ist einfach der, daß, wie Christus gestorben ist, so sollen auch wir unserem bisherigen sündhaften Leben absterben (Kol. 3, 1–3), unser Fleisch samt den Lüsten und Begierden kreuzigen und durch die Taufe begraben.[104] Und wie Jesus, durch die Allmacht seines Vaters auferweckt, nicht mehr das vorige Leben im Staube der Niedrigkeit sondern ein höheres begann, so soll auch das Kind Gottes aus der Taufe heraufsteigen, nicht mehr ein Leben im Dienste der Sünde fortzusetzen, sondern um ein neues vollkommenes Leben im Dienste seines gekreuzigten Heilandes, der Pflicht und der Menschheit zu beginnen.[105]

Diese Darstellung Pauli von der Taufe liefert uns den Beweis, daß auch der große Heidenapostel die Anordnung Jesu im Sinne von Untertauchen verstanden hat und sie in dieser Art auch an seinen Täuflingen vollzog, denn nur das Untertauchen ist einem Begrabenwerden ähnlich. Wir betten ja unsere Toten nicht auf die Erde und streuen ein wenig Erde auf sie, sondern wir senken sie in ein Grab, wo sie begraben, d. h. vollständig mit Erde bedeckt werden.

Paulus selbst muß durch Untertauchung die Taufe empfangen haben, denn er zählt sich mit zu denen, die mit Christo durch die Taufe begraben sind. „Alle,“ schreibt er, „die wir in Jesum Christ getauft sind, die sind in seinen Tod getauft. So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod.“[106]

Die meisten Theologen unter denen, welche die Besprengung ausüben und eifrige Verteidiger derselben sind, waren gezwungen zuzugeben, daß Pauli Darstellung unzweifelhaft auf die Form des Untertauchens Bezug hat. In diesem Sinne erklärt Prof. Lietzmann die Stelle (Röm. 6, 3. 4): „Baptizein bedeutet für griechische Ohren nicht „taufen“, sondern „eintauchen“ (s. zu Mark. 1, 4), also wir sind in seinen Tod hineingetaucht worden, ja mit ihm begraben; d. h. als wir mit unserm ganzen Leibe (wie noch lange altkirchliche Sitte) im Wasser verschwanden, sind wir symbolisch (durch Ertränken) getötet und (im Wasser) begraben.“[107]

Dr. Bernhard Weiß: „Paulus beruft sich darauf, daß die Leser wissen, wie die Taufe auf Christum doch vor allem eine Taufe auf den Tod Christi ist; denn, wenn wir ihn als unsern Heilsvermittler bekennen, so bekennen wir damit doch, daß er zu unserm Heil gestorben ist. Nun ist doch aber das Untertauchen im Taufbade keine leere Form, sondern es stellt dar, wie wir durch die Geistesvermittelung in der Taufe mit Christo vereinigt, in dieser Gemeinschaft mit ihm gleichsam in seinen Tod untergetaucht werden, denselben mit durchmachen müssen. Wie das Begräbnis die Bestätigung davon ist, daß einer gestorben, so ist das Untertauchen im Taufbade die Versiegelung davon, daß wir in den Tod Christi untergetaucht sind, ein Sterben wie er erfahren haben. Wie aber der Tod Christi dazu führte, daß er durch die Herrlichkeit des Vaters, der seinen Sohn nicht im Tode lassen konnte, auferweckt ist, so hat auch unser Sterben mit Christo in der Taufe nur die Absicht, daß wir fortan wandeln sollen in einer völlig neuen Lebensbeschaffenheit.“[108]

„Es siehet aber der heilige Apostel darauf, daß in der ersten apostolischen Kirche bräuchlich war, daß diejenigen, so getauft wurden, ganz unter Wasser gesteckt, und also gleichsam begraben wurden, nachmals aber wieder aus dem Wasser gezogen und also wieder gleichsam auferweckt wurden, anzudeuten, daß sie durch die Taufe der Kraft des Todes und der Auferstehung Christi teilhaftig wurden und daß sie den Sünden absterben, hingegen aber im neuen heiligen Leben wandeln sollten.“[109]

Auch die Schullehrer-Bibel (Neustadt an der Orla) von 1826 gibt eine treffende Auslegung dieses Textes, die wir hier folgen lassen: „Die Taufe, nach den Sitten jener Zeit, wird hier als ein Sterben für das bisherige Heiden- und Judenleben und als Eintritt in ein neues, vollkommenes Christenleben betrachtet. Dies Bild war damals, da man bei der Taufe nicht wie jetzt nur das Haupt ein wenig benetzte, sondern den ganzen Menschen in einem Flusse im Wasser untertauchte (gleichsam begrub), ungemein treffend und ausdrucksvoll. Der bisherige Jude oder Heide ist nun gestorben, begraben. An seiner Stelle geht nun ein Christ hervor, ein ganz anderer Mensch. Ebenso natürlich und treffend ist nun die zweite Vergleichung. Die Taufe, der Eintritt ins Christentum, hat Ähnlichkeit mit dem Sterben und Auferstehen Jesu: Jesus starb — und stand wieder auf. Er ging aus einem unvollkommenen (nicht moralisch sondern physisch unvollkommenen) Zustande und Leben in einen weit höheren, vollkommeneren Zustand über. So geht der Getaufte aus einer mangelhaften Religion, aus einem moralisch mangelhaften Leben in ein vollkommenes, ganz Gott, der Pflicht, der Menschheit, der Ewigkeit geweihtes Leben über.“

Ebenso auch Starke: „Der Apostel siehet auf den damaligen Gebrauch, da der Täufling ins Wasser ganz untergetaucht, und nachdem er eine kleine Weile darunter gelassen, wieder herausgezogen wurde. — Es hat dann die Taufe das Bild und die Kraft nicht nur des Todes sondern auch des Begräbnisses Christi: daß, wie der Herr mit dem Begräbnis den Fluch, welcher auf ihm lag, abgetan hat, auch wir seines Begräbnisses teilhaftig würden, wenn wir unter das Wasser als in ein Grab gestoßen und damit bedecket werden.“[110]

Tholuck bemerkt in seiner „Auslegung des Briefes Pauli an die Römer“: „Der Apostel hatte gesagt, schon gleich der bei der Annahme des Christentums stattfindende Ritus der Taufe zeuge davon, daß der Christ geistig den Tod Christi in sich nachbilden wolle. Es stellt sich nun seinem Blicke die leicht auffallende Bemerkung dar, daß das Taufsymbol selbst als eine Abbildung des Todes Christi angesehen werden könne, und so stellt er in diesem Verse den der Taufe übergebenen Christen als einen gleichsam mit seinem Erlöser Begrabenen dar. Hatte nun Paulus die sinnbildliche Bedeutung der Taufe und des Todes Christi so weit durchgeführt, so lag es nahe, daß er auch dem Wiederaussteigen aus der Taufe und der Auferstehung Christi eine sinnbildliche Bedeutung beilegte, wie er hier tut. Auch an einer andern Stelle finden wir dieselbe symbolische Deutung. Kol. 2, 12. Zum Verständnis der sinnbildlichen Behandlung der Taufe ist übrigens auf den bekannten Umstand aufmerksam zu machen, daß die Täuflinge der ersten Kirche unter- und wieder aufgetaucht wurden, welchem Gebrauche auch die ersten Christen nach Anleitung des Apostels symbolische Beziehung gaben.“