Weisheit sprach hierauf zu den Knaben: „Habt denn fernerhin acht auf alles, was euch eure Mutter noch lehren wird; habt auch allezeit ein offenes Ohr für all das Gute, das euch von andern übermittelt wird, wenn sie um euretwillen erbauliche Gespräche führen. Merkt ebenfalls, und zwar mit Fleiß auf das, was Himmel und Erde euch lehren; aber insbesondere seid unermüdlich in der Betrachtung des Buches, welches euren Vater zur Pilgerreise veranlaßte. Ich für meinen Teil will euch, liebe Kinder, in der Zeit eures Hierseins unterrichten, soviel ich kann, und es soll mir eine Freude sein, wenn ihr mich über solche Dinge befragt, die zu gottseliger Erbauung dienen.“
Die Pilger hatten ungefähr eine Woche an diesem Ort geweilt, da empfing Barmherzig Besuch von einem Herrn namens Tätig, der vorgab, daß er eine Neigung zu ihr habe. Er war ein Mann von einiger Bildung und der auch auf Frömmigkeit Anspruch machte, aber es dabei noch sehr mit der Welt hielt. Er kam von da an öfters zu Barmherzig und trug ihr seine Liebe an.
Nun war Barmherzig allerdings eine liebliche Erscheinung und hatte ein sehr angenehmes Wesen; dabei war sie stets darauf bedacht, ihre Zeit treu auszukaufen, und wenn sie für sich selbst nichts zu arbeiten hatte, machte sie Strümpfe und andre Kleidungsstücke, die sie an Arme und Hilfsbedürftige verschenkte. Da nun Herr Tätig um ihre Liebesarbeit nicht wußte, so schien er davon außerordentlich eingenommen zu sein, daß er sie nie müßig fand. „Ich will darauf wetten,“ sprach er bei sich selbst, „sie wird eine treffliche Hausfrau für mich werden.“
Barmherzig entdeckte darauf diese Sache den Jungfrauen des Hauses und erkundigte sich nach ihm, denn sie kannten ihn besser als sie. Da erhielt sie den Bescheid, er sei ein sehr fleißiger junger Mann, der auch für fromm gelten wolle, aber, wie sie befürchteten, die Kraft eines gottseligen Lebens nicht kenne.
„Nein, wenn es so mit ihm steht,“ sagte Barmherzig „so will ich keinen Blick mehr auf ihn werfen, denn ich kann meiner Seele keinen Hemmschuh anlegen.“
Weisheit erwiderte ihr: „Es bedarf keines besondern Mittels, ihn abzuschrecken, denn wenn du wie bisher in deiner Liebestätigkeit für die Armen fortfährst, so wird dies seine Liebe schnell abkühlen.“
Als Herr Tätig das nächstemal wiederkam, fand er sie bei ihrer gewöhnlichen Arbeit, Kleidungsstücke für Bedürftige zu nähen.
„Wie,“ sagte er, „immer so fleißig?“
„Ja,“ antwortete sie, „entweder für mich oder für andre.“
„Und wieviel kannst du täglich wohl verdienen?“ fragte er.