Er freute sich noch nicht. Er wagte es nicht. Aber in seine wahllosen
Übungen kam von jetzt ab wieder ein gewisser Sinn.

Er schwamm von neuem alle Stilarten und alle Längen durch, ließ sich die Zeit nehmen, wenn er gerade den Bademeister oder sonst einen Bereitwilligen dazu fand, und ohne noch in ein bestimmtes Training zu treten, erprobte er doch schon—vorsichtig und unsicher wie ein Anfänger—seine Fertigkeit.

Allmählich wurde er ruhiger, je sicherer er wurde. Er konnte sich nicht mehr verhehlen, daß sein furchtbares Erschrecken nach jenen ersten, im Grunde belanglosen Niederlagen töricht und übertrieben, und daß von einer ernstlichen Erschütterung seiner Kraft wohl nie die Rede gewesen war; daß ein paar Wochen ruhigen Lebens sie vielleicht ganz von selbst in das alte Geleise gebracht hätten und so eigentlich dieser ganze Bruch unnötig und im Gründe etwas lächerlich und darum eigentlich beschämend war…

Aber eines blieb trotz allem. Wenn auch seine Kraft nicht erschüttert war, sein Selbstvertrauen war es auf jeden Fall!—Dieses stolze Selbstvertrauen, entstanden nicht im einer Stunde, sondern aus empfangsfähigem Boden schüchtern und langsam emporgewachsen, stetig erst bewässert durch kleine, dann genährt durch immer größere Erfolge, Wurzel schlagend in beispiellosen Siegen und endlich untrennbar, Wesen und Eins, mit der Persönlichkeit, mit ihm, ihm— Franz Felder!—

Dieses Insichselbstvertrauen war erschüttert. Nicht seine Kraft, sein
Selbstvertrauen mußte er daher wiedergewinnen!—

Dazu war nun das Leben, wie er es führte, am wenigsten geeignet. Unfähig, Vergleiche zu ziehen, Eindrücke zu empfangen und wiederzugeben, konnte er es nur nähren an den Maßen seiner Einbildung. Und mit jedem neuen über sich erfochtenen Sieg seiner Kraft nahm es Dimensionen an, an die Felder früher nicht gedacht hatte. Schon aus dem einfachen Grunde nicht gedacht, weil er früher geschwommen, so gut er es konnte, ohne zu denken. Zahlen waren es, die er jetzt verglich: Zahlen gegen Zahlen. Nicht Leistungen—warme Leistungen des Lebens—gegen Leistungen. Wie er aber den Tag ersehnte, an dem ihm das zum ersten Male wieder möglich sein würde!—

Dann würde er wieder leben. Denn dies Leben der Einsamkeit, wie er es jetzt führte, war kein Leben mehr. Er litt unter seiner eigenen Einsamkeit. Wie sehr er litt, wußte er selbst nicht einmal mehr.

Er war immer allein, und allmählich kam es ihm wie ein Traum vor: die alten, lieben Freunde, die lauten, fröhlichen Feste, seine sensationellen Siege—waren sie in der Tat jemals Wirklichkeit gewesen?—Der Taumel seiner Sicherheit, seine Wagnisse, seine Reisen?—

Er wollte nicht an die Vergangenheit denken. Er wollte sich vorbereiten auf die Zukunft. Denn alles lag erst noch vor ihm. Hinter ihm lag nur ein Anfang, ein in seinem Ende mißglückter Anfang.

Aber was er nicht hindern konnte, war: daß zuweilen Bilder dieser Vergangenheit vor ihm aufstiegen, und vor allem Bilder des letzten Jahres, der Zeit, als er schon nicht mehr so ganz und gar in dem engen Kreise der Genossen gelebt, sondern neue, fremde Menschen und andere Lebensweiten sich ihm aufgetan. Und er sah noch zuweilen das hohe, nüchterne Atelier des Bildhauers vor sich, die kahlen Wände und die seltsamen Figuren, und den Künstler selbst, schweißbedeckt, schweratmend und in innerlichen Kämpfen qualvoll ringend; und das warme, gemütliche Zimmer des Doktors, den fröhlichen, freundlichen Mann mit den blitzenden Augen und der lebhaften Stimme, unermüdlich im Erzählen und voll Interesse für ihn; und zuweilen—sah er auch sie… Aber da wandten sich schnell seine Gedanken. Er wollte davon nichts mehr wissen und zwang sich zum Vergessen. Und nur in seinen Träumen erregte sie ihn zuweilen noch, wie sie es damals getan. Doch auch diese Träume wurden seltener und seltener und schwanden endlich ganz, wie ihr Duft allmählich aus seinen Kleidern gewichen war, dieses ekelhafte Parfüm, das seinen Körper vergiftet hatte.