Sie waren alle da, und Felders innere Freude kannte keine Grenzen.
Jetzt erst war er wieder ganz ruhig.

Was für ein Schwimmen sollte das werden!—Langsam, viel zu langsam kam endlich der Tag für den Einsamen heran.

Felder lag im Bett bis gegen Mittag. Mit offenen Augen starrte er die Kränze und Bilder an den Wänden an. Endlich hielt er es nicht mehr aus.

Früh am Nachmittag fuhr er hinaus nach Grünau. In dem kleinen Paket in der Hand trug er sein Trikot. Der Zug war überfüllt mit Ausflüglern.

In Grünau ging er gleich zum Sportplatz und dort hinter den Reihen der Zuschauer entlang zu den ihm so wohlbekannten Auskleidestellen, wo bereits überall Kleider hingen. Er suchte sich die entlegenste freie Ecke und zog sich langsam aus.

Es war vier Uhr. Vor fünf konnte das 600-Meter-Rennen kaum beginnen. Als er das Trikot über seine glühenden Glieder zog, war er noch immer ganz allein in dieser Ecke hier oben. Dieses Trikot hatte er sich für sein heutiges Schwimmen als Einzelschwimmer machen lassen, und wochenlang hatte er darüber nachgedacht, was er wählen sollte und durfte. Endlich hatte er sich entschieden: ganz weiß, nur am Rande mit einem goldenen Streifen; und ebenso die Badehose: ganz weiß, mit goldenen, schmalen Streifen und vorn mit einem einfachen goldenen Stern. Das waren die Farben keines Klubs, das war kein Abzeichen, das war noch von niemand jemals gewählt worden—es sollten die selbstgewählten Farben sein, unter denen er heute für sich ganz allein siegen wollte, heute, dies eine Mal, bevor—bevor er wieder für andere kämpfen wollte. Leicht und straff legte sich der dünne, fast durchsichtige Stoff um seinen Körper, nur Arme und Beine frei lassend, nirgends beengend, jeder Bewegung nachgebend, wie die Trikots der Akrobaten und Athleten. Felder hätte keine einfacheren und bescheideneren und doch herausfordernd-bedeutungsvolleren Farben wählen können als diese beiden: Weiß und Gold!—

Noch immer kam niemand, und er stand bereits fertig. Von diesem Fleck aus konnte er nicht nur den ganzen Sportplatz unter sich, sondern weithin die ganze Gegend überblicken. Vor ihm unter den Bäumen fielen die langen Bankreihen stufenförmig bis zum Wasserspiegel nieder, dicht besetzt mit den Zuschauern, um so dichter, je näher der Kampfplatz, alle es sich so bequem wie möglich machend, die Frauen in luftigen Sommerkleidern, die Männer oft in Hemdsärmeln, trinkend, lachend, sich den Schweiß abtrocknend und immer wieder die Aufmerksamkeit den Spielen zuwendend… Kinder, die sich langweilten und balgten, zwischen sich… Weiter unten die Farben der Klubs, die schwarzen Röcke und Fräcke der offiziell Beteiligten, der geladenen Gäste, der Richter, der Veranstalter… dann die nackten, hellen Gestalten der Kämpfer… endlich der abgesteckte Platz mit seinen fahnengeschmückten Gerüsten, die auf Tonnen schwammen… auf dem Sprungbrett die schnell sich ablösenden Gestalten, in seltsamen Formen die Luft durchschneidend und in dem aufspritzenden Wasser verschwindend… Leben, Bewegung überall, überall Kommen und Gehen: der erregte und doch verhaltene Ernst, die gespannte Aufmerksamkeit dieses Festes, nur unterbrochen durch den zeitweiligen, tosenden Jubel der Zuschauer, aber alles gebannt, etwas gelähmt durch die drohende Schwüle dieses Julitages…

Und darüber hinaus die ganze, weite Landschaft, das leuchtende Wasserbecken, hier sich zum See verbreiternd, dort, gegen Westen, sich in trägem Flusse verengernd, an seinen Ufern die menschenüberfüllten Sommergärten, von denen Musik herüberschallte, besät mit Booten und Fahrzeugen, aufweichen die sonntagsfreudigen und arbeitsmüden Großstadtmenschen sich dahintreiben ließen; dann dort drüben das einfache und in seiner Einförmigkeit doch so tiefe Bild dunkler Kiefern und des weißen, märkischen Sandes: die sanften Linien der Müggelberge, gebrochen am Horizonte durch den scharfen Strich eines Aussichtsturmes, aber sonst leise und wellig dahingleitend, in ihrer milden Freundlichkeit mehr geschaffen für den stillen Ernst des Herbstes, als für diese grelle Sonne, der die geraden Stämme regungslos, ohne Erzittern, wie betäubt, standhielten…

Felder wußte nichts von der Schönheit und von der Einförmigkeit dieser Gegend. Er hatte nie etwas anderes gekannt, als sie, und die Bilder seiner Reisen hatte er gesehen, wie andere sie für zehn Pfennig im Automaten sahen. Er sah nur das Wasser. Und es glitzerte und glänzte und lockte und rief; und ungeduldig griff er nach seinem Tuch.

Dies Wasser war seine Heimat; dies Wasser war sein Land.—