Als er eines Abends in der Schwimmhalle neben dem Schwimmwart Nagel stand, machte ihn dieser auf das neue Mitglied aufmerksam, das gerade stillvergnügt für sich hundert Meter schwamm. Brüning kniff die Augen etwas zusammen, wie es ihm eigen war, wenn er das tat, was er nachdenken nannte, sagte aber noch nichts. Als Franz aus dem Wasser kam, musterte er ihn, wie er seine Pferde prüfte. Das Resultat war sehr zufriedenstellend. Er gratulierte Nagel zu seiner Akquisition, schüttelte Franz kameradschaftlich die Hand, und dieser hatte sich von dem Tage an seiner ausgesprochenen Protektion zu erfreuen. Mit der Zeit erklärte ihn Brüning unter vier Augen als den einzigen im ganzen Klub, der vielleicht eines Tages sein ebenbürtiger Nachfolger werden könne, "wenn er hielt, was er versprach".

Das Interesse Nagels vergalt Franz mit unauslöschlicher Dankbarkeit; die Freundschaft Koepkes ließ er sich gefallen; an das Wohlwollen Brünings aber glaubte er lange Zeit nicht. Als er dann sah, wie stetig und warm es war, freute er sich sehr; und er blieb immer einer der wenigen, die die Freigebigkeit des Sektonkels nie mißbrauchten.

5

Die Kunst des Schwimmens ist eine junge Kunst. Man kann von ihr als solcher erst im vorigen Jahrhundert sprechen, und recht eigentlich erst in seiner letzten Hälfte.

Das Schwimmen als körperliche Übung ist von jeher geübt, wenn es auch nie wieder zu der allgemeinen Notwendigkeit wurde, die es in jenen Tagen des Altertums war, von deren Schönheitsfreude noch heute die gigantischen Thermentrümmer der Alten in beredsamem Schweigen zeugen. In Deutschland kam sie erst wieder in Aufnahme, als an der Spree durch die Initiative eines preußischen Generals die große Anstalt entstand, die noch heute seinen Namen trägt. Bedeutet der Name von Pfuel so ein Wiedererwachen langverlernter Übung, so kann von einer Kunst des Schwimmens doch noch kaum geredet werden, als sich in den sechziger Jahren die ersten Hallenschwimmbäder in Deutschland öffnen, sondern mit Recht erst dann, als sich die ersten Schwimmer zusammentun, um ihre Kräfte unter- und gegeneinander zu messen.

Erst spärlich und fast unbeachtet—einer der ersten unter ihnen der "S.-C. B. 1879"—wachsen und vermehren die Schwimmvereine sich nur langsam, kämpfen wohl schon zu Beginn der achtziger Jahre ihre Meisterschaften aus, gelangen aber erst um die Hälfte dieses Jahrzehnts zu allgemeinen Wettschwimmbestimmungen, auf die hin sie sich einigen. Aber von da an geht es schneller. Mit den Winterschwimmbädern in vielen Städten entstehen überall auch Schwimmvereine, die sich erst unter sich und dann in dem großen Verbande zusammenschließen, dessen Ziel es ist, alle Vereine und Unterverbände zu einer gemeinsamen Bestrebung für die neue Sache zu vereinigen.

Ein Jahrzehnt später, und auch die Kunst des Wasserspringens hat ihre
Wertungsform gefunden.

Man hat gesiegt. Das jüngste Stiefkind des Sports hat sich Beachtung und Achtung errungen. Weit mehr gebunden, als irgendein anderer Sport an bestimmte Bedingungen, hat er sich kühnlich neben jeden anderen gestellt; und eines hat er vor jedem voraus: er feierte seine Feste Sommer und Winter. Im Sommer unter blauem Himmel, in jedem Wasser, dessen Ausdehnung es erlaubt; im Winter unter den hohen Wölbungen von Eisen und Glas.

Natürlich bleibt der Sommer die Hauptsaison und die größten und wichtigsten Feste fallen in seine Zeit. Doch kam es auch vor, daß die wichtigsten internen Veranstaltungen einzelner oder vereinigter Klubs in den Winter fielen, da der Sommer zu viel von auswärtigen Interessen in Anspruch genommen wird.

Jetzt gibt es nicht mehr nur vereinzelte Vereine in einzelnen Städten. Wie die Pilze wachsen die Klubs aus der Erde—ihre Namen mit Vorliebe den alten Wassergöttern und allem möglichen Wassergetier entlehnend—, vereinigen und—bekämpfen sich untereinander, erbittert und leidenschaftlich; jetzt drängen sich die kleinen und großen Feste Sonntag auf Sonntag, und kaum einer im Jahre ist frei von einem solchen Feste in einer Stadt wie Berlin.