Und er hörte dem Erzähler weiter zu, wenn dieser von dem wasserscheuen Mittelalter mit seiner Verpönung des freien Badens und den langen Jahrhunderten des Daniederliegens des Schwimmens sprach und so gemach auf die Wiederbelebung der Schwimmkunst am Anfange des eigenen Jahrhunderts und hier in Berlin kam, um endlich bei der Jetztzeit und damit, wie von selbst, bei ihm, Franz Felder, gewissermaßen als der Krone des Ganzen, zu enden…
Wenn es so weit gekommen war, wurde auch der Zuhörer warm, und ein Gespräch über alle möglichen die Schwimmkunst betreffenden Fragen entstand zwischen den beiden, das sich bei einer Tasse Tee oder einem Glase Bier in dem gemütlichen, warmen, von dem Duft des Karbols leicht durchzogenen Zimmer des Arztes oft bis zur Zeit von Felders letzter Pferdebahn nach dem Norden hinzog.
Man war ganz zufrieden miteinander: Felder hatte jemand, der ihm freundlich zuhörte, und der Doktor machte eine psychologische Studie, von der der Betroffene allerdings nichts ahnte.
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Es war die Bekanntschaft mit Dr. König, die für Felder eine zweite nach sich zog. Eines Abends erschien im Bade ein großer, starkknochiger Herr in guter, aber schlechtsitzender Kleidung, mit großen Händen und scharfem Blick, den der Doktor als seinen Freund vorstellte. Er badete nicht selbst, sah aber den Sprüngen Felders mit höchstem Interesse zu und ließ ihn nicht aus den Augen, so daß dieser schon wieder mißtrauisch geworden wäre, wenn der Fremde ihm nicht als Bildhauer vorgestellt worden wäre. Man trank noch zu dritt ein Glas Bier zusammen, plauderte über allerhand und ging auseinander.
Das nächstemal, als sie wieder allein waren, erfuhr Felder den Zweck dieses Besuches. Der Fremde war ein alter Bekannter des Doktors und einer der bedeutendsten, wenn auch nicht berühmtesten Künstler Deutschlands. Eines Tages war die Rede in seinem Atelier auf seine neuen Werke und damit auf die Modellnot gekommen.
Der Bildhauer trug sich seit Jahren mit der Idee der Darstellung eines jugendlichen Läufers, verzweifelte aber immer von neuem an der Ausführung, da es ihm völlig an einem Modell fehlte, das auch nur einigermaßen seinen Ansprüchen entsprach. Dr. König hatte von seinem jungen Freunde erzählt, und der andere war aus reiner Neugier mitgegangen, um ihn sich einmal anzuschauen.
Er war Feuer und Flamme—ja, das wäre ein Modell!—Aber er wisse wohl, daß nichts daraus werden könne. Einmal werde Felder sich wohl nie zum Modellstehen hergeben, und dann habe er ja auch keine Zeit.— Nun fragte der Doktor, mitleidig mit der fast komischen Verzweiflung des Künstlers, behutsam bei Felder an: er erzählte ihm von der Würde und der Größe echter Kunst, von dem unausgesetzten Ringen einer vornehmen Künstlerseele, ihren Kämpfen und ihren Streben, das nur zu oft an nichtigen, äußerlichen Umständen vor dem Ziele scheitert, von der harten und unbelohnten Arbeit seines Freundes, und es gelang ihm, besser und schneller als er gehofft, in Felder Interesse und Verständnis zu erwecken. So deutete er denn einmal an, wie sehr er selbst zum Gelingen eines solchen Werkes beitragen könne.
Felder war durchaus nicht abgeneigt, doch machte auch er gleich den Mangel an der nötigen Zeit geltend. Einen Versuch könne man ja an den freien Sonntagen einmal machen, meinte er naiv… Als dann aber der Doktor mit seinem letzten Trumpf herausrückte und davon sprach, wie beim Gelingen des Werkes sein Ruhm sich mit dem des Künstlers verbinden und beider Name in einer unvergänglichen und vielleicht unsterblichen Schöpfung weiterleben würde, da war Felder bereits ganz gewonnen, und nun war er es, der den Vorschlag zur weiteren Besprechung der Sache machte… Was die Zeit anbelangte—nun, er hatte ja ausgelernt und war sein eigener Herr, und wenn er seine Arbeit wieder für einige Wochen (länger würde die Geschichte wohl nicht dauern) aufgäbe, so wäre das nicht so schlimm; er fände danach schon wieder andere.
Er würde reichlich entschädigt werden, versicherte Dr. König. Da aber empörte sich der Stolz des Meisterschwimmers. Davon könne keine Rede sein. So sei es bei ihm nicht, "wie bei armen Leuten". Wenn er einwillige, so tue er es um der Kunst willen und des Ruhmes wegen. Der Doktor konnte nichts darauf erwidern, und man traf sich im Atelier des Künstlers.