Dort streckten sich schon hundert Hände aus—nicht nach dem Retter, um den kümmerte sich keiner—sondern nach dem andern, und Franz war froh, daß man ihn in Ruhe ließ. Er suchte nach seinen Kleidern. Alles lag noch da, aber seine Jacke fehlte. Er suchte und suchte, ohne sie finden zu können. Erst wollte er Skandal machen. Doch dann hätten sich alle die Menschen, die sich dort um den Geretteten bemühten oder ihn neugierig umstanden, nach ihm gewandt und ihn ausgefragt. Fragen aber war ihm ein Greuel. Und es nützte ja doch nischt!—der seine Jacke mitgenommen hatte, der Halunke, war jetzt doch schon über alle Berge!

Er machte besser, daß er fort kam, denn er glaubte, einen Lehrer am Ufer erkannt zu haben. Nur keine Quatscherei! Er sah noch gerade, daß der Junge wieder aufrecht stand, den er herausgeholt; dann rannte er, was er konnte. Und als wirklich der Lehrer sich nach ihm umsah, war Franz längst verschwunden.

Er trottete in Hemdsärmeln nach Hause. Sein Bad hatte er ja nun gehabt. Aber als er mit gesenktem Kopf an den Scharen der sonntäglichen Spaziergänger die lange Straße längs der Spree nach Hause trabte, mußte er einmal doch die aufsteigenden Tränen hinunterschlucken, als er daran dachte, daß er nun ohne Jacke nach Hause kam, und an den Skandal, den es absetzen würde. Denn sagen, wie es wirklich gewesen war, das konnte er doch nicht.

7

Er hatte die ganze Sache längst vergessen, und auch der Lärm um die Jacke zu Hause war verhallt, als ihm eines Tages in der Schule die Eröffnung wurde, daß ihm "für seine mutige Tat" die Rettungsmedaille verliehen werden und daß er sie am Tage der Entlassung aus der Schule in öffentlicher Feierlichkeit erhalten sollte.

Er wußte zuerst nicht, was er dazu sagen sollte, und hoffte die Sache damit zu erledigen, daß er nicht daran glaubte. Das war auch nur wieder so eine Quatscherei—wegen so was! Aber er irrte sich. Die Medaille war ihm wirklich zuerkannt, und zwar auf Betreiben desselben Lehrers an seiner Schule, der zufällig an jenem Sonntag in der Nähe gewesen war und vergebens nach seinem Schüler gesucht hatte, nachdem er durch seine praktischen Anordnungen den Geretteten wieder soweit gebracht, daß er Luft schnappen konnte.

Franz machte diese Feier kein Vergnügen. Es war ihm unangenehm, so vorgerufen und von allen Augen angestaunt zu werden, als habe er Gott weiß was getan, und er hätte sich am liebsten in die Erde, oder noch weit lieber: ins Wasser verkrochen. Aber das ging nun einmal nicht.

Der Rektor hielt eine Rede, von der er wenig verstand, da er nicht zuhörte. Dann mußte Franz vortreten vor die andern Schüler und die Herren in schwarzen Röcken hin, und er fühlte, daß er rot wurde, als ihm die kleine, braune Bronze-Medaille an die Brust gesteckt wurde. Aber trotz aller Unbehaglichkeit durchdrang ihn doch in diesem Augenblicke ein Gefühl großer Gehobenheit, etwa ähnlich dem, das er empfand, wenn er ganz allein draußen in seinem Elemente schwamm und fühlte, wie er es beherrschte. Und dies Gefühl mußte sich in seinen Augen widerspiegeln, mit denen er jetzt aufschaute zu dem sonst so gefürchteten Rektor. Denn als dieser den Ausdruck stummer Begeisterung in den blauen, ehrlichen Augen des Knaben sah, ihm so ungewohnt bei seinen kühlen, früh lebensklugen Berliner Kindern, legte er noch einmal seine Hand auf den kurzgeschorenen Kopf vor ihm, und sich etwas niederbeugend, fügte er seinen Worten noch hinzu:—Du wirst gewiß einmal ein sehr tüchtiger Schwimmer werden…

Da aber antwortete Franz mit einer seiner sonstigen Schwerfälligkeit ganz fremden Plötzlichkeit und Schlagfertigkeit—und wieder stand das seltsame Leuchten in seinen Augen—:

—Der bin ich schon!