Da—während sie sich hinausstießen—fühlte Felder plötzlich, wie er angesehen wurde. Der starke Duft eines seltsamen Parfüms, den er irgendwo und irgendwann schon einmal gespürt hatte, umwehte ihn, und aufschauend, erblickte er dicht vor sich jene Dame aus dem Café, die ihn den ganzen Abend so auffallend angesehen hatte und nun ihren Blick mit demselben festen Ausdruck forschenden Interesses auf seinem Gesicht ruhen ließ; wie an jenem Abend. Wieder war der alte Herr mit ihr, und wieder trug sie ein Kleid von heller Seide und einen auffallend großen Rembrandthut mit schwarzer Feder. Felder hatte kaum Zeit, sich nach ihr umzusehen; im nächsten Augenblick schon war sie weiter gegangen, und viele Menschen hatten sich zwischen sie und ihn geschoben. Er hätte zurückkehren müssen, um sie wiederzufinden.
Er dachte noch an sie im Weitergehen, als er am Ausgang auf den Bildhauer traf, der ebenfalls in einer dichten Menschenmenge stand. Er machte sich sofort los und kam auf Felder zu, als er ihn sah, und man ging durch den Garten in langem Zuge nach der Osteria. Dort wurde nun Felder genug und von allen Seiten angesehen, als die Künstler erfuhren, wer er war, aber er wurde nie das Gefühl los, daß alle diese fremden Menschen in ihm nur das Modell sahen, und keine Ahnung davon hatten, wer er eigentlich war… Nach Dr. König sah er sich vergebens um; er war wohl noch in den Sälen oder überhaupt noch nicht gekommen. Der Bildhauer, äußerlich borstig und wortkarg wie immer, war doch durch seinen großen Erfolg erregt und mußte sich immer von neuem frei machen, um ein paar Worte mit Felder zu sprechen. Dieser wollte gerne wissen, ob sein Name auch im Katalog stünde. Nein, dort stand nur "der Springer", meinte der Künstler lächelnd, anders ginge es nicht, aber er wolle schon dafür sorgen, daß es in möglichst vielen Zeitungen zu lesen sei, wer ihm Modell gestanden—darauf könne sich Felder verlassen… "Und am Nachmittage komme ich zu Ihrem Siege!"—sagte er noch, als Felder sich mit seinem Freunde verabschiedete und, innerlich recht mißmutig, ging.—Dieser Nachmittag!
Wieder einmal erglänzte die weite Halle der Wasserfreunde in dem festlichen Schmuck der Fahnen und Fähnchen; wieder füllten ihre Galerien bis auf den letzten Platz die dichten Reihen einer bunten Zuschauermenge; wieder bot sie das bis in die Einzelheiten immer sich gleichende, unveränderte Bild eines "Schwimmfestes"…
Und in eintöniger Gleichförmigkeit verlief Nummer um Nummer des wiederum viel zu lang ausgesponnenen Programms. Das ganze Interesse der engeren Kreise konzentrierte sich heute nicht auf die Schwimmkonkurrenz—Felders Sieg war ganz sicher—sondern auf dessen Beteiligung am Springen. Längst hatte sich über die Grenzen des S.-C. B. 1879 hinaus herumgesprochen, wie gänzlich aussichtslos und vermessen sie war, und überall, in allen Ecken, lauerte das süßeste und reinste der menschlichen Gefühle, die Schadenfreude, auf seine Gelegenheit.
Nur Felder sah und hörte nichts von allem. Still und ernst wie immer stand er unter seinen Leuten, und seine Augen blickten so ruhig und siegesgewiß wie immer.
Heute, heute war sein großer Tag, und kein Zweifel durfte in ihm aufkommen; kein Zweifel der anderen das eigene, felsenfeste Vertrauen stören. Er fühlte nur instinktiv die Feindseligkeit um sich herum an der Art, wie man ihn allein ließ oder ihn dies oder jenes fragte. Was kümmerten sie ihn?—Nach einer Stunde würde er sie besiegt haben, und selbst die Widerstrebendsten lagen bezwungen zu seinen Füßen!…
Als er daher seinen Namen hörte und auf das Sprungbrett trat, um den ersten der für den Mehrmeisterkampf vorgeschriebenen Sprünge zu tun, hob er seinen Kopfhöher als je, sah zu der hohen Wölbung der schönen Halle empor, und in seinen Augen lag (für niemand erkennbar) das alte Leuchten, tiefer und siegesgewisser, als je zuvor.
Dann sprang er, und er sprang nicht schlecht. Ein Murmeln nur begleitete sein Aussteigen aus dem Wasser—Erstaunen bei jenen unter den Sportsgenossen, die ihn zum ersten Male springen sahen, halber Beifall bei denen, die den Sprung an seinen eigenen Leistungen, die sie seit einigen Wochen kannten, verglichen. Noch hatte die Schadenfreude keinen Grund, sich zu äußern und wagte sich noch nicht hervor. Weder besonders gut, aber ebenfalls nicht schlecht waren auch die nächsten Sprünge. Jeder Kenner sah indessen, daß sie einfach nur besser aussahen, als sie in Wirklichkeit waren, und daß Felder jede Hoffnung auf einen Sieg hätte begraben müssen, wäre es auf dieses Springen angekommen. So aber erledigte er nicht nur den zweiten Teil des Mehrkampfs, das Schwimmen mit einer Bahnlänge von 150 Metern, in seiner alten glänzenden Weise, so daß er hier die Höchstzahl der überhaupt erreichbaren Punkte erlangte, sondern er stellte sich auch im dritten Teile, dem Tauchen, ebenbürtig an die Seite seiner drei Gegner, indem er, wie sie, alle zwanzig Teller hervorholte, und zwar in einer Zeit, die sich nur unwesentlich von der ihren unterschied.
Keiner der Konkurrenten war vor Ablauf von 32 Sekunden aus dem Wasser gestiegen, Felder 45 unter ihm geblieben. Die Teller hatten bei ihm weit auseinander gelegen.
Der Mehrkampfpreis wurde daher trotz der im Springen erreichten geringen Punktzahl—nicht vergleichbar mit der der anderen—von ihm gewonnen. Seinem Verein fiel ein Ehrenpreis zu, ihm selbst ein Andenken, und das eine der gesetzten Ziele war somit von ihm erreicht: in seinen Lorbeerkranz ein neues Blatt geflochten. Der Meister im Schwimmen nannte die erste Mehrkampfmeisterschaft sein!—