Leider war Brüning nicht unter ihnen, Brüning, der einzige, der mit seiner Gemütlichkeit, Erfahrung und seiner Lebenskenntnis, mit seiner Zuneigung für Felder und seiner allgemeinen Beliebtheit im Klub die Sache noch hätte ins rechte Geleise bringen können. Er war nicht in Berlin, sondern wieder einmal auf einer seiner plötzlichen Reisen. Felder saß stumm und blaß da. Jedes der Worte Nagels ließ den Groll und die Bitterkeit in seinem Herzen höher und höher steigen. Das war ja alles falsch und unrecht, was er da vorbrachte, und jeden der Vorwürfe wies er im Innern von sich, sowie er fiel. Er hätte sich nicht um das Gedeihen des Klubs gekümmert, er, der nur für ihn, nur in ihm all diese Jahre gelebt hatte?—Zwar mit der Jugendabteilung hatte er sich wenig befaßt, das war richtig; aber er verstand nun einmal nicht, Anordnungen zu geben und zu lehren. Er war doch nicht der Schwimmwart. Aber war es nicht weit wichtiger gewesen, daß er selbst in unermüdlichem Eifer sich ausgebildet hatte?—Wie hätte er es denn sonst zum ersten Schwimmer der Welt bringen können? Wie hätte er sich dankbarer erweisen können, als dadurch, daß er alle Erfolge mit seinem Verein teilte und dessen halbvergessenen Namen wieder zu Ehren brachte?—Er habe sich früher nicht an den Debatten beteiligt. —Auch das sei wahr, aber diese kleinlichen Streitigkeiten ekelten ihn nun einmal an. Dafür habe er geschwommen, geschwommen, siegreich geschwommen!… War das nicht mehr wert, als alle Worte?—
So wies er innerlich jeden der Vorwürfe, einen nach dem anderen, zurück, und nur auf den letzten: den des Ehrgeizes nach einem fremden Ziele, fand er nicht die richtige Antwort, so daß er, als Nagel endlich geendet und er blaß und verwirrt aufstand, um zu antworten, fast alles vergessen hatte, was er, der Schwerfällige, dem Redegewandten entgegnen wollte.
Er brach los, aber was er vorbrachte, waren nur unzusammenhängende Worte und halbe Sätze. Er hatte nie verstanden, sich auszudrücken— und auch in dieser Stunde, wo sein Herz so voll war, gingen seine Augen nur unruhig von einem der bekannten Gesichter zum anderen, als suchten sie bei ihnen Hilfe gegen diese unerhörten Beleidigungen und Anklagen, bis sie auf der Statuette des Springers hafteten, die dicht vor ihm auf dem Tische stand und die er in seiner Erregung erst jetzt sah. Sie war heute gekommen, während er nach Hamburg gefahren war. Der Bildhauer hatte seiner Dankbarkeit und Erkenntlichkeit für Felder einen Ausdruck geben wollen, und da dieser so oft und mit solcher Liebe von seinem Klub gesprochen, hatte er gedacht, ihm eine Freude zu machen, wenn er diesem eine kleine Nachbildung seines inzwischen so berühmt gewordenen Werkes für das Vereinszimmer stiftete… Nun stand das wertvolle Geschenk auf dem Tische vor Felder.
Als dieser begriff, was es war, stockte er von neuem, und abermals wallte ein mächtiger Groll in ihm auf. Immer und immer wiederholte er ohne Zusammenhang das Wort von der Niederlage, und fast sinnlos vor Zorn schrie er endlich, als er in keinem der Gesichter um sich her auch nur eine Spur von Verständnis für seine Gefühle fand, über den ganzen Tisch hinweg:
—Ja, Niederlagen wünscht ihr mir, aber meine Preise nehmt ihr gern!
Das hätte er nicht sagen dürfen, und er merkte es sofort an der Stille, die diesen Worten folgte. Dann unterbrach sie eine scharfe, höhnische Stimme vom Tischende her, die eines alten Gegners:
—Sogar von dem Meisterspringer…
Vor Felders Augen wurde es dunkel. Er wußte nicht mehr, was er tat.
Er griff nach der Statuette, zog sie so heftig zu sich heran, daß ein
Arm abbrach, faßte sie und schleuderte sie zu Boden, wo sie in
tausend Splitter zerbrach.
Ohne sich umzusehen, ging er hinaus. Niemand hielt ihn, niemand ging ihm nach.
Als er im Torwege des Hauses an der Straße stand, fühlte er plötzlich, daß seine Augen naß waren. Er sah nichts mehr und fuhr mit dem Handrücken über sie hin. Dann merkte er, daß es Tränen waren. Er wunderte sich.