Innerlich—er fühlte es jetzt deutlich—war er dennoch aufs höchste erregt.
Er sah sich um. In seiner Nähe stand ein großer runder Stammtisch, der sich langsam zu besetzen begann. Mehr als ein Gesicht kam Grach bekannt vor, und plötzlich fiel es ihm ein: das waren ja—es war kein Zweifel mehr möglich—die "Schlitzohrigen", die größten Männer der Stadt, weise im Rat und vorsichtig in der Tat, die er da vor sich sah. Weshalb sie die "Schlitzohrigen" genannt wurden, wußte er nicht mehr und hatte es wohl auch früher nie gewußt, aber der Name tauchte wieder in ihm empor mit ganzer Deutlichkeit.
Und doch hatten sie sich verändert, die Zeiten: denn früher hatten diese Gewaltigen allabendlich im "Nähkörbchen" verkehrt, und jetzt— welcher Unterschied—saßen sie hier im Rachen des "Krokodils"!
Innerlich lachte er heimlich und herzlich. Die Lustigkeit siegte in ihm. Jetzt konnte er essen, während er einzelne Worte auffing, die von dort zu ihm herüberflogen.
Man sprach über städtische Angelegenheiten. Natürlich. Grach wußte, über Politik zu sprechen, war hier verpönt.
Plötzlich hörte er eine Stimme, die er kannte. Er sah schärfer hin.
Kannte er dieses Gesicht?—Nein, es war nicht möglich.
Dieser philiströs aussehende Mann, der in kleinen, bedächtigen Zügen sein Bier trank und in kleinen, bedächtigen Zügen seine Zigarre rauchte, der so aussah, als ob er kein größeres Glück kenne, als hier zu sitzen und zuzuhören, dieser Mann mit den schweren Bewegungen und der zufriedenen Stimme, der offenbaren Hochachtung vor jedem dieser alten Zöpfe, das war nimmermehr sein alter, lustiger, zu allen Dummheiten stets aufgelegter Fritz, der mit dem Gebrüll seiner Stimme so oft die Gasse erschüttert hatte in der spätesten aller späten Stunden!—
Grach rief die Kellnerin herbei und fragte leise.
"I—e," sagte sie, "das ist der Herr Stadtverordnete Beuer."
Da trank er schnell sein Bier aus, zahlte und verließ das Lokal. Er hatte plötzlich Angst bekommen, jener möge auch ihn wiedererkennen und anreden. Und das wäre für sie beide doch zu niederdrückend gewesen.