»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W. — Die Erfahrungen und Schicksale dieser jungen Damen einer bestimmten Gesellschaftsklasse sind kaum dazu angetan zur Nachahmung zu reizen, wohl aber zeigen sie uns ein Bild von dem, was ist und geben dadurch am ehesten zur Abwehr und zu Änderungsversuchen Anlaß und Möglichkeit. Die Darstellung ist keineswegs so, daß sie die Grenzen dessen, was gesagt werden muß, um die Tatsachen festzustellen, überschreitet. Man kann diesem Buche nicht nachsagen, daß es etwa auffordert, dieser frivolen und leichtfertigen Lebensart nachzuleben. Im Gegenteil, es läßt die sehr ernsten und bedenklichen Konsequenzen eines solchen Lebens deutlich erkennen.
Münchener Neueste Nachrichten:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W, möchte ich literarisch nicht zu hoch einschätzen, aber diese Wertung hat es als selten mutige Anklageschrift gar nicht nötig. Es wirkt in der Zweckform vielleicht stärker, als wenn es ein vollendetes Kunstwerk wäre. Und der Ernst, mit dem es den Eltern gewidmet ist, hebt es über den Verdacht, pornographische Literatur sein zu wollen. In dem Schluß, den die Verfasserin gibt, liegt viel mehr Hoffnungslosigkeit, als sie in ihrem Vorwort vermuten läßt; er erhebt sich denn auch zu einer Anklage, die bei manchem Biedermann Entrüstung hervorgerufen hat und noch weiter hervorrufen wird. Man kann und will es einfach nicht für möglich halten, daß jene Gesellschaftsklasse, auf die man wie auf ein goldenes Märchen blickt, moralisch verseucht ist, daß ihre Töchter eine Vorurteilslosigkeit besitzen, die vom Dirnentum keinen allzu großen Abstand hat. An der Echtheit der Schilderungen ist wohl nicht zu zweifeln; dafür spricht ihre Einheitlichkeit, die richtige Zeichnung der Charaktere, oft nur mit wenigen Strichen, und die genaue Kenntnis der Lebensgewohnheiten jener Menschen. Die Verfasserin hätte uns gewiß neben den Tatsachen auch die richtigen Namen nennen können, wenn es Sinn gehabt hätte. Es ist natürlich schon eine mutige Tat, so ein Buch zu schreiben, und sie verdient uneingeschränktes Lob. Wenn es auch nur bei einigen wenigen auf fruchtbaren Boden fallen würde, wenn nur einige Eltern anfingen, nachzudenken, daß sie bisweilen selbst an der Verwahrlosung der Kinder die größte Schuld tragen, und wenn die Kultur, die man so oft eitel nennt und als äußerlichen Schliff und elegante Lebensführung betrachtet, wieder in ihrem Wesen als geistige Macht und seelischer Hochstand erkannt würde, so wäre schon etwas damit gewonnen.
Hauptmann Heinrich Peters:
»Lilli«, ein Sittenbild aus Berlin W. — Man müßte das Buch in einer Reklameausgabe auch den weniger Bemittelten zugänglich machen, um möglichst vielen Eltern die Augen zu öffnen.
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Dies Buch wurde gedruckt bei F. E. Haag in Melle (Hannover) für den Verlag Wilhelm Borngräber in Berlin und Leipzig. |
Weitere Anmerkungen zur Transkription
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Korrekturen:
S. 171: »unterfahen« → »[unterfahren]«