Es ist schwierig, vor unbekannten Hörern von Philosophie zu reden. Da nämlich Philosophie den ganzen Menschen ergreifen will, muß ein philosophischer Vortrag mehr als jeder andere mit der inneren, tätigen Anteilnahme des Hörers rechnen. Alle Philosophie sucht Antwort zu geben auf die Frage nach der Bestimmung des Menschen. So mannigfaltig die Gegenstände sind, mit denen sie sich beschäftigt, sie wählt diese Gegenstände nur, weil sie von ihnen Auskunft erhofft über das wichtigste aller Probleme: Was soll ich in dieser rätselhaften Welt? Nur bei Hörern, die von dieser Frage irgendwie schon beunruhigt worden sind, kann ein philosophischer Vortrag hoffen, Verständnis zu finden. Ich nehme an, daß Sie alle in irgendeiner Weise diese Unruhe empfunden haben, daß also ein Bedürfnis nach Philosophie bei Ihnen besteht. Ein solches Bedürfnis muß ich voraussetzen, weiter aber will ich nichts voraussetzen. Ich werde mich bemühen, Ihnen zu größerer Klarheit über das zu verhelfen, was Sie suchen, und Ihnen die Wege zeigen, auf denen jenes Bedürfnis so viel echte Befriedigung wie irgend möglich findet. Als geeignetes Mittel zu diesem Zwecke erscheint mir, Ihnen die Hauptgedanken der Philosophie in innigster Verbindung mit dem Leben der großen Denker vorzuführen. Denn diese Gedanken sind aus dem inneren Erleben bedeutender Persönlichkeiten hervorgegangen; die Kenntnis dieser Persönlichkeiten ist zwar nicht der kürzeste und wissenschaftlichste, wohl aber der gangbarste und angenehmste Weg, um Verständnis für ihre Gedanken zu gewinnen.

Nicht neue Ergebnisse der Wissenschaft, sondern alte Weisheit will ich Ihnen vortragen. Sollte einer oder der andere dadurch sich enttäuscht fühlen, so müßte ich mit einer Anekdote antworten. Ein leutseliger König besuchte einst eine Sternwarte und fragte den leitenden Astronomen: »Was gibt's Neues am Himmel?« Der schlagfertige Gelehrte antwortete mit der Gegenfrage: »Kennen Majestät schon das Alte?«

Alte Weisheit also will ich versuchen, Ihnen so vorzuführen, daß sie neu erscheint – neu im Sinne von neu erlebt. Ich will mich bemühen, Ihnen die scheinbar entlegenen und lebensfremden Gedanken aus der Seele führender Denker heraus in ihrer inneren, lebendigen Bedeutung nahezubringen. Unter den großen Philosophen habe ich sechs Männer gewählt, die zugleich die drei fruchtbarsten Zeitalter in der Geschichte des philosophischen Denkens vertreten und die sich paarweise zueinander wie Lehrer und Schüler verhalten: Sokrates und Platon, Descartes und Spinoza, Kant und Fichte. Jedem von ihnen soll ein Vortrag gewidmet sein. Warum ich gerade diese Männer auswählte, kann sich nur durch den Fortgang meiner Betrachtungen rechtfertigen.

Vaterstadt und Zeitalter

Bei dem ersten unter ihnen freilich ist das sofort klar. Man kann nur bei Sokrates beginnen, wenn man die Philosophie lebendig erfassen will. Leben und Denken sind bei ihm innig verflochten. Er hat seine Philosophie nicht in Büchern, sondern in seiner Lebensführung und seinen Gesprächen dargestellt. Vielleicht war das mit dieser ungeheuren Wirkung auch nur in seiner Heimat und zu seiner Zeit möglich. Sokrates ist um das Jahr 470 v. Chr. als Sohn des Bildhauers Sophroniskos, den wir uns als Handwerker, nicht als Künstler vorstellen müssen, in Athen geboren. Seine Mutter übte den Beruf einer Hebamme aus. Er stammte also aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Aber die Armut hinderte einen Athener jener Zeit nicht daran, seinen Geist zu bilden. Athen stand damals auf dem Gipfel seiner Macht, es war nicht mehr Hauptstadt eines griechischen Kleinstaates, sondern Mittelpunkt eines Bundes von Seestaaten, der tatsächlich nahezu die Festigkeit eines einheitlichen Reiches hatte. Dadurch beherrschte nach den Perserkriegen das siegreiche Athen die Küsten Asiens und die Inseln des östlichen Mittelmeeres. Reichtum durchströmte die Stadt und wurde bei der demokratischen Verfassung in Festen, Spielen, Bauten, Kunstschätzen allen Bürgern zugänglich und nutzbar. Das Leben war durchaus öffentlich. Im Süden, wo Gespräch, Verhandlung, selbst Berufsgeschäfte sich auf der Straße abspielen, ist das – für den Mann wenigstens – in gewissem Sinne immer der Fall; in jener Zeit aber erfüllte den gemeinsamen Schauplatz des äußeren Lebens ein großes öffentliches Interesse geistiger und sittlicher Art, der leidenschaftliche Anteil jedes Bürgers an seinem Staate. Auch die nicht im engeren Sinne politischen Tätigkeiten dienten dem Staate; ihn verherrlichte und schmückte die Kunst, für ihn war es ebensogut wie für den Sieger selbst eine Ehre, wenn einer seiner Bürger in den Olympischen Spielen den Preis errang. Diese Einheit fand ihren höchsten Ausdruck in einer Religion, die nicht in bestimmten Glaubenssätzen oder heiligen Büchern niedergelegt war, aber durch die Weihe ihres Kultus das ganze bürgerliche Leben beherrschte.

So bildete sich der einzelne durch den Staat und für den Staat. Das bedeutete aber keine Unterdrückung persönlicher Kraft und Eigenart. Im Gegenteil, jeder irgendwie Begabte bemühte sich, im Staate Macht, Ansehen, Ruhm zu erringen. Gerade die Öffentlichkeit des Lebens machte auch die Ehrungen besonders verlockend; jede Tätigkeit wurde so zum Wettkampf. In den festlichen Aufführungen zu Ehren des Gottes Dionysos rangen dramatische Dichter um den Preis, die Volksversammlungen bildeten den Schauplatz rednerischen Wettstreites um die Gunst des Volkes. Es konnte nicht ausbleiben, daß die starken, selbstbewußten Persönlichkeiten, die sich für den Staat gebildet hatten, auch gegenüber dem Ganzen ihre Ansprüche geltend zu machen suchten.

Zum Durchbruch verhalf diesem Kraftgefühl des Einzelmenschen die Wissenschaft, die seit der Mitte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen Aufnahme fand. Sie war nicht dort entstanden, sondern stammte aus den griechischen Kolonien an der Westküste Kleinasiens, zumal aus den sogenannten ionischen. Die frühesten Vertreter griechischer Wissenschaft seit Thales von Milet richteten ihr Nachdenken in erster Linie auf das Wesen der körperlichen Natur. Uns gehen hier nicht die einzelnen Ansichten an, die man über die Körperwelt ausbildete; wichtig ist an dieser Stelle nur die Tatsache, daß man sich nicht mehr zufrieden gab, in Sonne und Mond, Strömen und Meeren, Wind und Gewitter Äußerungen bestimmter Götter zu sehen, sondern daß man nach der Natur dieser körperlichen Erscheinungen, ihrem Grundstoff und gesetzlichen Zusammenhang forschte. Es bildeten sich verschiedene Schulen aus, deren Anhänger einander bekämpften, den Gegner zu widerlegen, die eigene Ansicht durch eindrucksvolle Gründe zu stützen suchten.

Die Sophisten

In diesen Kämpfen entstand eine Streitkunst, die nicht immer die Grenzen zwischen Widerlegung und Verblüffung des Gegners, zwischen Überzeugung und Überredung des Zuhörers innehielt. Die Gewandtheit der Wortfechter war den Unbeteiligten oft wichtiger als der Gegenstand der Unterredung; zumal in Athen nahmen zwar einzelne wie Perikles, der leitende Staatsmann, inneren Anteil an der Erforschung der Wahrheit um ihrer selbst willen, für die große Menge aber war der Streit jener Schulen nur eine neue Art Wettkampf und Schauspiel. Die jungen Athener, die sich den fremden Weisen in die Lehre gaben, wollten von ihnen die Streitkunst lernen, da diese sich als Mittel zur Beeinflussung der Volksversammlungen und Gerichte wohl verwenden ließ. Solchem Bedürfnis kamen die Lehrer entgegen, die man Sophisten nannte, und die nach eigener Angabe ihre Schüler vor allem im Reden tüchtig machen wollten. Sophisten bedeutet ursprünglich nur weise und kundige Männer. Erst später infolge des Kampfes, den Sokrates und seine Schüler gegen sie führten, bekam die Benennung den üblen Klang, den sie noch für uns hat. Die Sophisten wollten, so können wir bis jetzt ihr Streben kennzeichnen, durch die in den wissenschaftlichen Streitigkeiten ausgebildeten Mittel ihre Schüler zu wirksamen Rednern und schlagfertigen Debattierern ausbilden, damit sie in der Volksversammlung und vor Gericht Einfluß gewännen. Während aber die jungen Athener praktischen Erfolg im Staate suchten, waren die Sophisten selbst keine praktischen Staatsmänner. Sie waren auch nicht in ihrem heimischen Staate tätig, vielmehr zogen sie, Ruhm und Geld zu gewinnen, von Stadt zu Stadt und kehrten natürlich besonders gern in dem reichen und mächtigen Athen ein. Keiner unter den bedeutenden Sophisten aber war Athener. Sie waren also nicht, wie der attische Bürger, selbstverständlich hineingewachsen in bestimmte heimische Verhältnisse, in denen man sich zur Geltung bringen will, an denen man vielleicht auch vieles einzelne ändern möchte, die man aber doch als Ganzes hinnimmt. Nein, die Sophisten waren losgelöste, nur auf sich gestellte Einzelmenschen, stolz nicht mehr auf ihren Staat, auf ihre Leistungen in ihm und für ihn, sondern nur auf ihr eigenes Wissen und Können.