Prozeß

Diese Gegensätze muß man kennen, um das Schicksal des Sokrates zu verstehen. Im Peloponnesischen Kriege war Athen besiegt worden, und das siegreiche Sparta hatte eine kleine Gruppe ihm ergebener Aristokraten zu Herrschern eingesetzt; diese schalteten aber so willkürlich, daß sie bald durch zurückkehrende verbannte Demokraten gestürzt wurden. Naturgemäß trat nun eine Reaktion ein, die sich nicht nur gegen die von den Feinden aufgedrungene Verfassung, sondern, da mehrere der Gewalthaber Sophistenschüler oder Freunde des Sokrates gewesen waren, zugleich gegen die moderne Bildung richtete. Sokrates galt vielen als Sophist, er verkehrte in aristokratischen Kreisen und war daher, obwohl er sich ungerechten Anforderungen der gestürzten Regierung mannhaft widersetzt hatte, verdächtig. Persönliches Übelwollen gegen ihn, das diesen Verdacht ausnützte, konnte nicht fehlen. Wenn man sein Leben lang den Leuten zeigt, daß sie nichts wissen, und angemaßte Weisheit ihres Prunkes entblößt, so schafft man sich Feinde. Persönliche Feindschaft und sachlicher Gegensatz dürften bei denen zusammengewirkt haben, die den siebzigjährigen Mann im Jahre 399 v. Chr. anklagten, daß er die väterlichen Götter nicht anerkenne, neue dämonische Wesen einführen wolle und die Jugend verführe.

Die Richter wurden in Athen aus allen Bürgern ausgelost und waren sehr zahlreich; über Sokrates saßen wahrscheinlich 501 zu Gericht. Vor einer solchen Menge, zumal von leicht erregbaren Südländern, wirkt die Beredsamkeit. Sokrates' Sache stand zunächst nicht schlecht: sein Leben war öffentlich und durchsichtig; mochte man sich oft genug über ihn geärgert haben, man wußte, daß er unsträflich gehandelt, die Bürgerpflichten erfüllt und den Kultus der Götter geehrt hatte. Aber die Richter waren gewohnt, daß der Angeklagte durch Redekünste Eindruck auf sie machte und demütig ihr Mitleid anflehte. Sokrates verschmähte das; denn er war überzeugt, daß es viel schlimmer sei, etwas zu tun, was man für Unrecht hielt, als zu sterben. Darum redete er schlicht und stolz. Er habe die Götter immer geehrt und die Jünglinge zur Selbstprüfung und Einsicht erziehen wollen. Die Anklage beruhe auf dem Haß, den seine Gespräche, sein von dem delphischen Gott ihm übertragener Beruf ihm zugezogen habe. Diese ungewohnte Art sich zu verteidigen führte zu einer Verurteilung mit geringer Mehrheit. Nach Entscheidung der Schuldfrage mußte die Strafe bestimmt werden, wobei die Richter nach athenischem Rechte nur die Wahl zwischen den Anträgen der Ankläger und des Angeklagten hatten. Da die Anklage auf Tod lautete, hätte der Angeklagte in seinem Interesse eine nicht zu milde Strafe, etwa Verbannung, beantragen müssen. Statt dessen erklärte Sokrates, er sei nicht schuldig und könne sich daher keine Strafe zuerkennen. Im Gegenteil sei er, da er sein ganzes Leben der Besserung seiner Mitbürger gewidmet habe, der höchsten Ehre, der Speisung im Rathause, würdig. Verbannung, an die die Richter etwa denken könnten, sei für ihn schlimmer als Tod, da sie ihn hindern würde, seinen Beruf auszuüben. Um doch dem Gesetze Genüge zu tun, beantrage er eine Geldstrafe, die er zwar nicht aus eigenen Mitteln aufbringen, aber doch von Freunden erhalten könnte. Diesen Antrag müssen die Richter als Verhöhnung empfunden haben; denn die Verurteilung zum Tode erfolgte mit größerer Mehrheit als der erste Spruch.

Zufällig war damals gerade eine Festzeit, während deren keine Hinrichtung vollzogen werden durfte. Sokrates wurde daher ins Gefängnis geführt und durfte sich dort mit seinen Freunden in gewohnter Weise unterreden. Man bewachte ihn nicht streng; Freunde suchten und fanden Mittel, ihm die Flucht zu ermöglichen. Aber er lehnte es ab zu fliehen, da man nach seiner Überzeugung einem gesetzmäßig gefällten Urteilsspruch gehorchen müsse, auch wenn man ihn für sachlich falsch halte. Denn Ungehorsam gegen die Gesetze führe zum Untergange des Staates. So trank er, als der Termin gekommen war, den Schierlingsbecher, wie das Gesetz es befahl. Seine letzten Stunden hat Platon in seinem Gespräche Phädon der Nachwelt erhalten; er läßt Phädon, einen Lieblingsjünger des Sokrates, der am Schicksalstage bei ihm im Gefängnis weilte, erzählen, was er damals erlebt hat. Den Schluß dieser Schilderung will ich Ihnen nicht vorenthalten:[1]

Tod

»Nach diesen Worten begab sich Sokrates in ein Gemach, um zu baden, und Kriton folgte ihm; uns aber hieß er warten. Wir warteten also, redeten miteinander über das Gesagte und überdachten es; dann aber versenkten wir uns wieder in das Unglück, das uns getroffen hatte, wir fühlten nicht anders, als daß wir, des Vaters beraubt, unser künftiges Leben als Waisen hinbringen müßten. Nach dem Bade wurden seine Kinder zu ihm gebracht – denn er hatte zwei kleine Söhne und einen großen –, und die ihm verwandten Frauen kamen. Er unterhielt sich mit ihnen in Gegenwart des Kriton, trug ihnen seinen Willen auf, hieß dann Weiber und Kinder gehen und kam selbst zu uns. Es nahte schon die Stunde des Sonnenuntergangs, denn er hatte lange Zeit drinnen verbracht. Nach seiner Rückkehr vom Bade setzte er sich und hatte noch nicht viel geredet, da kam der Diener der Elf[2], trat zu ihm und sagte: ›Sokrates, an dir werde ich nicht dasselbe erleben, wie an andern, die mir zürnen und mich verfluchen, wenn ich sie auf Befehl der Behörden auffordere, das Gift zu trinken. In dir habe ich während dieser ganzen Zeit den edelsten, freundlichsten und besten Mann von allen, die je hierher gekommen sind, kennengelernt; auch jetzt weiß ich wohl, wirst du nicht mir zürnen, sondern den Schuldigen, die du ja kennst. Du weißt, was ich dir anzukündigen habe, also lebe wohl und versuche, das Notwendige möglichst leicht zu tragen.‹ Tränen in den Augen wandte er sich ab und ging. Und Sokrates sah ihm nach und sagte: ›Auch du lebe wohl, ich werde es so machen.‹ Und zugleich sagte er zu uns: ›Wie fein ist der Mensch! Die ganze Zeit über kam er zu mir und unterhielt sich zuweilen mit mir und war gut gegen mich, und jetzt beweint er mich so aufrichtig. Aber wir, Kriton, wollen ihm nun folgen, und es mag einer das Gift bringen, wenn es bereitet ist, sonst aber es bereiten.‹ Und Kriton sagte: ›Ich meine doch, Sokrates, daß die Sonne noch auf den Bergen liegt und nicht untergegangen ist; auch weiß ich, daß andere erst lange, nachdem es ihnen befohlen war, getrunken haben. Vorher aßen und tranken sie gut und hatten zuweilen noch die Schönen bei sich, die sie gern hatten. Übereile dich nicht, es ist noch Zeit.‹ Und Sokrates sagte: ›Lieber Kriton, die Männer, von denen du redest, haben ganz recht getan, denn sie glaubten etwas damit zu gewinnen; ebenso aber habe ich recht, wenn ich anders handle. Denn ich glaube nichts zu gewinnen, wenn ich etwas später trinke, sondern nur vor mir selbst lächerlich zu werden, indem ich am Leben klebe und mit Augenblicken geize, die nicht mehr mein sind. Geh also, folge mir, lasse alles andere.‹ Als dies Kriton hörte, winkte er einem Sklaven, der in der Nähe stand. Der Sklave ging hinaus und nach einiger Zeit kam er wieder mit dem Manne, der den Trank reichen wollte und ihn fertig in einem Becher brachte. Als Sokrates den Mann sah, sagte er: ›Nun, Bester, du weißt damit Bescheid. Was soll ich tun?‹ ›Nichts weiter,‹ sagte der, ›als nach dem Trinken umhergehen, bis dir die Beine schwer werden, dann dich hinlegen. So wird es wirken.‹ Damit reichte er Sokrates den Becher. Der nahm ihn und sagte ganz heiter, ohne zu zittern, ohne Farbe oder Gesichtszüge zu verändern, nach seiner Gewohnheit das Auge fest auf den Mann gerichtet: ›Was meinst du? Darf man von diesem Tranke den Göttern opfern oder nicht?‹ ›Wir bereiten‹, antwortete jener, ›nur gerade das genügende Maß zum Trinken, Sokrates!‹ ›Ich verstehe,‹ sagte dieser, ›aber beten zu den Göttern darf und soll man, daß die Wanderung von hier nach dort glücklich verlaufe. Darum bitte ich, und so möge es geschehen.‹ Während er das sagte, setzte er den Becher an und trank ganz leicht und heiter aus. Die meisten von uns waren bis dahin imstande gewesen, die Tränen zurückzuhalten; als wir aber sehen mußten, wie er trank und ausgetrunken hatte, nicht mehr; mir selbst stürzten mit Gewalt die Tränen in Strömen aus den Augen, so daß ich mir das Gesicht verhüllte und mich ausweinte – nicht um seinetwillen, sondern meines Geschickes wegen, daß ich solch eines Freundes beraubt sein sollte. Kriton aber war noch vor mir, da er die Tränen nicht zurückhalten konnte, aufgestanden. Apollodor hatte schon lange unaufhörlich geweint, jetzt schluchzte er auf, schrie und klagte, so daß keiner von den Anwesenden ohne Tränen blieb außer Sokrates selbst. Der sprach: ›Ihr seltsamen Menschen, was macht ihr? Ich habe doch hauptsächlich deswegen die Frauen weggeschickt, damit sie nicht solche Störung verursachen, denn ich habe gehört, es müsse Friede um einen Sterbenden sein. Seid stille und faßt euch!‹ Als wir das hörten, schämten wir uns und hörten zu weinen auf. Er aber ging umher, bis, wie er sagte, die Beine ihm schwer wurden, dann legte er sich lang auf den Rücken hin, wie der Mann ihm geheißen hatte. Und sogleich befühlte ihn der, der das Gift gereicht hatte, und betrachtete von Zeit zu Zeit die Füße und Schenkel; später drückte er ihn stark am Fuß und fragte, ob er es spüre; Sokrates sagte, nein. Dann machte er es ebenso mit den Unterschenkeln, und so, weiter hinaufgehend, zeigte er uns, wie er kalt und starr wurde. Und er berührte ihn wieder und sagte, wenn es zum Herzen käme, würde es aus mit ihm sein. Als Sokrates nun am Unterleib schon ziemlich kalt war, schlug er das Gewand vom Antlitz zurück (denn er hatte sich verhüllt) und sagte – es waren seine letzten Worte –: ›Kriton, wir schulden dem Asklepios einen Hahn![3] Opfert ihn und versäumt es nicht!‹ ›Das wird geschehen,‹ sagte Kriton, ›aber sieh, ob du noch etwas zu sagen hast.‹ Darauf antwortete er nicht mehr, sondern zuckte nur nach einiger Zeit noch; dann deckte ihn der Diener auf, da waren seine Augen gebrochen. Als Kriton das sah, drückte er ihm Mund und Augen zu.

Das war das Ende unseres Freundes, nach unserem Urteil des besten Mannes unter allen Zeitgenossen, des einsichtsvollsten und gerechtesten.«

Sokrates
Nach einer Marmorbüste in Villa Albani in Rom