Grasersche Buchhandlung (Richard Liesche), Verlag.
1907.
Glück auf!
Wanderglück und echte Wanderfreude sei allen jenen beschieden, die unsern Erzgebirgskammweg besuchen, besonders aber dann, wenn es gilt, selben in seiner gesamten Erstreckung von Tetschen bis Asch zurückzulegen. Hierzu sind etwa 9–10 Tage erforderlich und eine solche Kammwanderung ist ein achtunggebietendes Unternehmen. Die aufgebrachte Mühe aber wird reichlich belohnt: denn hoch oben auf dem Erzgebirge, auf seinen Bergrücken und Gipfeln, am grasigen Hange, auf steiler Felsenzinne, hoch oben, wo wetterfeste Wipfel sich wiegen und weit und frei sich die Heide dehnt – da wird der Bergfreund nicht nur Lust und Wonne im Herzen fühlen, die ausgiebige Bewegung in der dünnen, reinen Höhenluft und in stiller Weltabgeschiedenheit können für Körper und Geist nur von wohltuender Wirkung sein. Gar in schöner Sommerszeit ist es auf den luftigen Kammhöhen herrlich: Leise fächelt über die sonnigen Hänge ein würziger, milder Hauch, hoch und weit blaut der wolkenlose Himmel und weit kann der Blick ringsherum in die Lande schweifen. Kühler, harziger Duft entströmt dem dunklen, dichten Walde und klare Wässerlein rieseln aus Fels und Moor zu Tale. Darum auf aus der staubigen Schwüle der Stadt und aus der qualvollen Hitze des flachen Landes und suchet Erholung auf den herrlichen Höhen des Erzgebirges!
Der Erzgebirgskammweg führt fast immer auf dem deutlich ausgeprägten Kamme des Erzgebirges, der sich meist 50–200 m über den breiten Gebirgsrücken erhebt, u. zw. im östlichen Teile in der namhaften Höhe von über 700, im mittleren und westlichen Teile aber meist mehr als 800 m bis über 1200 m hoch dahin, ohne je ins Tal herabzuleiten. Er folgt dabei nach Möglichkeit der höchsten Linie des Kammes, der Kammlinie, die gleichzeitig die Wasserscheide zwischen den sächsischen und böhmischen Gewässern darstellt. Nur dort, wo es an gangbaren Wegen mangelt oder die Erlaubnis der Grundbesitzer (letzteres in einigen dichten Waldrevieren) nicht zu erlangen war, mußte von der Kammlinie bezw. dem Gebirgskamme abgewichen werden. Dies betrifft insbesondere die Strecken: Dorf Schneeberg–Tissa, Vorder-Zinnwald–Hinter-Zinnwald, Willersdorf–Schwarzer Teich, Einsiedl–Gebirgsneudorf, Beerhübel–Forsthaus Neuhaus, Sebastiansberg–Kupferberg, Wirbelstein–Keilberg, Gottesgab–Platten und Brambach–Steingrün. Hiebei wurden aber des öfteren Umwege abgeschnitten.
Der Kamm des Erzgebirges, die Wasserscheide, liegt zumeist auf böhmischer Seite und deshalb findet sich die Kammwegmarkierung zumeist auch dort; nur die Seitenlinie Keilberg–Fichtelberg–Gottesgab und die Strecke Platten–Auersberg–Gr. Kranichsee verlaufen in Sachsen, ebenso wie die im sächsischen Vogtlande markierten Strecken Aschberg–Schöneck–Ursprung und Wernitzgrün–Brambach–Elsterquelle, zusammen etwa 70 km. Außerdem aber zieht sie sich an vielen Stellen in der nächsten Nähe der sächsischen Grenze dahin. Die Höhenlage des Weges bringt es mit sich, daß er – man könnte fast sagen – immer horizontal dahin leitet, oft ist dies aber weite Strecken wirklich der Fall und darum die Wanderung sehr angenehm. Den größten Genuß bietet allerdings die gesamte Kammwegwanderung und es ist ein schönes Bewußtsein, die 248 km lange Strecke vom Elbstrom bis zu den Höhen des Fichtelgebirges auf eigenen Füßen zurückgelegt zu haben. Doch versehe man sich mit guter Ausrüstung: Wetterfestes Lodenkleid, derbe ausgetretene Schuhe und mancherorts Proviantnahme sind erforderlich; letzteres deswegen, da viele der bescheidenen Kammorte bisher für Touristenbesuch gar nicht eingerichtet sind. Auch stecke man einen der bestehenden Erzgebirgsführer[1] zu sich, da das vorliegende Büchlein wohl den Kammweg genau bezeichnet, sich aber mit dem übrigen Erzgebirge nicht befassen kann. Gute Touristenstationen aber sind: Hoher Schneeberg, Tissa, Nollendorf, Mückenturm, Vorder-Zinnwald, Hinter-Zinnwald, Fleyh, Einsiedl (Bad Einsiedl), Gebirgsneudorf, Kallich, Sebastiansberg, Preßnitz, Kupferberg, Keilberg, Fichtelberg, Gottesgab, Pleßberg, Abertham, Platten, Auersberg, Brambach, Hainberg. Bei Eintritt schlechten Wetters warte man in einem Rastorte, insbesondere dann, wenn für den Weiterweg keine Straße zur Verfügung steht.
Es verlohnt sich jedoch auch in hohem Grade, Teilstrecken des Kammweges, wozu der vorliegende Führer gleichfalls den besten Behelf bildet, zu bewandern, und es ist ein großer Vorzug des Erzgebirgskammweges vor anderen Kammwegen, daß mehrere Eisenbahnen ihn selbst überqueren, zahlreiche andere aber dem Kamme sich bis auf wenige Stunden nähern. Ein weiterer Vorzug der Kammwanderungen im Erzgebirge sind der reiche, stete Wechsel von Wald und Flur, der immer neue Landschaftsbilder des Gebirgsrückens selbst und unzählige prächtige Ausblicke in die Ferne dem Auge entrollt, das Vorhandensein zahlreicher Ortschaften auf den Kammhöhen und die hierdurch bedingte historische, wirtschaftliche und volkskundliche Eigenart des Gebirgskammes.
Die beiden Grenzpfeiler des Erzgebirgskammweges sind der Hohe Schneeberg im Osten und der Hainberg im Westen, beide mit mächtigen Türmen gekrönt; doch gelten auch die Aufstiege bezw. Abstiege Tetschen–Schneeberg, Asch–Hainberg als Bestandteile des Kammweges und sind mit der gleichen Markierung versehen. Die einheitliche Markierung des Erzgebirgskammweges sind vier blaue Zinken im weißen Felde:
(Kammwegmarke).
Das vorliegende Büchlein konnte sich mit der etwa erwarteten Schilderung der landschaftlichen Schönheiten des Erzgebirges und seiner sonstigen Eigenart nicht befassen, es erblickt vielmehr seine Aufgabe darin, die Linie des Kammweges, der ja kein eigens gebauter Weg ist, sondern sich nur als eine fortlaufende Markierung bestehender Fahr- und Fußwege und Straßen darstellt, genau zu bezeichnen, so zwar, daß der Kammwegwanderer sich auch dann gut weiterfindet, wenn die Markierungen – wie auf dem hohen Erzgebirgskamme oft der Fall – durch Wintersturm und Rauhreif, Schneebruch oder durch die Axt des Holzhauers zerstört wurden. Unser Führer, der ganz auf den eigenen Wanderungs-Ergebnissen der beiden Verfasser aufgebaut ist, soll nichts anderes sein, als ein kleines, handliches Büchlein, bestimmt für die Tasche der Wanderjoppe, ein treuer Wandergefährte! Wie in den meisten Reiseschilderungen und touristischen Handbüchern wurde die Wanderung nur in einer Richtung, nämlich westwärts von Tetschen nach Asch geschildert; bei Begehung des Kammweges in entgegengesetzter Richtung wird man unschwer die Beschreibung umzustellen haben.