Spielzimmer von Arch. Max Benirschke.
Allein er war kein Vorbild. Van de Velde’scher Stil hat nur für einen einzigen Menschen in der Welt Berechtigung, für van de Velde selbst. Er drückt ein allzu Persönliches aus, das, wenn es Mode wird, aufs nachdrücklichste bekämpft zu werden verdient. Für die Allgemeinheit hat van de Velde keine brauchbaren Typen geschaffen. Mit dem Schreibtisch geht es uns wie mit dem Sessel. Wer einen passenden Schreibtisch sucht, findet ihn nicht. Er muß mit seinem Architekten oder Tischler beraten, um zu finden, was für seine Person das Beste ist. Es ist der einzige Weg, der zum Rechten führt. Der Konsument müßte in allen Dingen, die seine persönlichen Bedürfnisse angehen, Mitarbeiter des Künstlers sein, was aber wohl voraussetzt, daß er ein wohlunterrichteter, einsichtsvoller Mensch sei. Sieht er sich dann nach einem passenden Schreibzeug um, dann hat er wieder seine liebe Not. Die Dinge dieser Art, die sich im Handel vorfinden, sind fast nie sachlich gelöst. Im besten Falle müssen Bureau-Utensilien herhalten. Ebenso ergeht es einem mit den Rauchrequisiten. Hier ist fast alles erst zu tun. Ein weites Feld steht für den Künstler der Kleinplastik offen, wenn erst der Publikumsgeschmack zur strengen Sachlichkeit erzogen sein wird. Einstweilen sind es nur einige moderne Architekten, die sich ihrer erziehlichen und kulturellen Aufgabe vollends bewußt sind.
Zimmerecke von Arch. Franz Exler.
Salonschrank von Architekt Max Benirschke.
Das Musikzimmer.
Der Zufall spielt mir die Reproduktion eines Bildes von Schwind in die Hände. Schubert-Abend ist es betitelt. Eine Stimmung strömt aus dem Blatt, zart wie der Duft verdorrter Rosen; ein Hauch der legendären liebenswürdigen Wiener Geselligkeit weht durch den Raum. Es ist ein Altwiener Bürgersalon, großväterischer Hausrat steht umher, Gastlichkeit und Gemütlichkeit, der genius loci winkt aus allen Winkeln hervor, ein Klavier steht in die Mitte des Zimmers herein, eines jener spinettartigen Instrumente, zierlich und schlank, im wohltuenden Gegensatz zu den Monstren unserer heutigen Klaviere, Schubert davor und ein Kreis von Kunstsinnigen um ihn herum, die Schwestern Fröhlich, selbstverständlich auch Grillparzer, dann der gefeierte Opernsänger Vogel und alles, was damals zur geistigen Elite gehörte. Damals war noch die Glanzzeit der Hausmusik. Die vielen Duos, Trios, Quartette und Quintette, von den berühmten Tonkünstlern jener Zeit zu diesem Zwecke verfaßt, und die Zusammenstellung der Instrumente sind an und für sich ein sprechender Beweis für den eifrigen Betrieb der Hausmusik. Bach und Händel waren in jedem Hause gekannt und geliebt. Finden wir heute noch gute Hausmusik? Die Frage dürfte nicht ohneweiters zu bejahen sein. Zwar findet sich in jeder Wohnung ein Klavier vor, fingerübende Musikbeflissene bilden mehr denn je die Verzweiflung nervöser Nachbarn, aber die Pflege der Hausmusik ist heutzutage seltener geworden. Man geht lieber in den Konzertsaal, der in früheren Zeiten nicht so viel des Abwechslungsreichen und Interessanten bot als die Neuzeit, die jeden Tag eine beliebige Anzahl musikalischer Berühmtheiten auf das Podium stellt. Da kann man auch Toiletten zeigen und sehen, und selber gesehen werden. Bei den meisten weiß man kaum, was sie antreibt, die Musik oder das andere. Die biedere, hausbackene, ehrsame Hausmusik kommt in Verfall. Daran ist aber in Wahrheit nicht so sehr der Konzertsaal schuld, als vielmehr der Verfall des Hauswesens selbst. Die freundlichen Genien der Gemütlichkeit und Gastlichkeit, die man vor fünfzig Jahren bei viel geringeren Lebensansprüchen noch unter jedem Dache finden konnte, sind aus den Städten, Großstädten zumal, meist entschwunden. Und in der Provinz? Die verzehrt sich in Sehnsucht nach der gleißenden Pracht der Großstadt, der sie ihre besten Kräfte abgibt. Kalt und ungastlich ist es fast an jedem Herde geworden. Hier bringen auch die besten Tonwerke keine Harmonien hervor. Irgend ein Gassenhauer, wild und gehackt, eine beliebte Nummer aus dem Varieté deckt in der Regel das Bedürfnis nach musikalischen Genüssen. Bachs gravitätische Gavotten, ein liebliches Adagio Mozarts, eine Sonate Beethovens sind im Hause der Disharmonien bloßer Lärm. Verständnis und Pflege guter Musik sind ebenso sehr Sache des gebildeten Geschmacks wie gute Manieren und vorteilhafte gesellschaftliche Haltung. Also Teil der persönlichen Kultur, die auch in der häuslichen Umgebung und in allen Dingen, die im Bereich der Persönlichkeit liegen, zum Ausdruck kommt. Man sollte glauben, daß ein feines Gefühl für die Ästhethik der Farben und der Formen von vorneherein die Bedingungen zum Verständnis edler Musik besitzen müßte. In einem Hauswesen, wo die edle Farbe herrscht und die edle Linie, und der Sinn, der aus dem Zweckmäßigkeitsprinzip des Alltags die Schönheit abzuleiten weiß, wird man in der Regel auch gute Musik antreffen. Denn ein gemeinsamer künstlerischer Grundzug führt von der sichtbaren Harmonie auf die hörbare. Eine nach vernünftigen modernen Grundsätzen eingerichtete Stadtwohnung braucht aus bloß ästhetischen Grundsätzen durchaus kein eigenes Musikzimmer zu besitzen, abgesehen davon, daß Raum und Mittel hiefür selten bereitstehen. Es wird mit den äußeren Merkmalen unserer mit edlem Geschmack eingerichteten Wohnung nicht im Widerspruch stehen, wenn wir im Speisezimmer oder im Raume, den wir gewöhnlich Salon nennen, den unsterblichen Werken der höheren Tonkunst lauschen und in einem dieser Zimmer das Klavier und den Notenschrank aufstellen. Aber da sind wir schon in arger Verlegenheit. Das Klavier in seiner heutigen ungeheuerlichen Form paßt zu den schlanken, raumsparenden Möbeln noch viel weniger als es zu den altdeutschen oder sonstigen »stilgerechten« Einrichtungen gepaßt hat. Es verstellt in den verhältnismäßig kleinen Wohnzimmern den besten Raum, steht breit und sperrig da und zerstört jede irgendwie versuchte harmonische und zweckvolle Gliederung des Gemaches. Es ist überhaupt ein Möbel, das, zwar, wenn seine Seele ausklingt, der mächtigsten, erschütterndsten und himmlischesten Wirkungen fähig ist, in seiner äußerlichen Erscheinung ein wahres Scheusal genannt werden muß, das wegen seiner höchst unpraktischen Form am allerwenigsten als eigentliches Hausinstrument gedacht zu sein scheint. In den Zeiten, da Schubert am Klavier saß, da hatte dieses Instrument eine Form, die mit dem übrigen bürgerlichen Hausrat im Einklang stand. Es hatte eine schmächtige, zierliche, fast elegante Form und fiel nirgends plump aus dem Rahmen der gesamten Wohnungskunst, wie es das heutige tut. Es wuchs sich selbständig und unabhängig aus und gewann solcherart seine umfangreiche, wenig ansprechende Form. Die Klavierfabrikanten haben bis heute wenig Lust gezeigt, sich mit ihren Klavierformen der neuen Bewegung, welche im Hause so durchgreifende Veränderungen herbeigeführt hat, anzuschließen und ein bischen darüber nachzudenken, ob man nicht durch eine veränderte Konstruktion zu gefälligeren, zierlicheren Gehäusen gelangen könnte. Vor dem Koloß eines Klavieres heutiger Konstruktion steht auch der genialste Entwurfskünstler in Verlegenheit da, er weiß sich nichts anzufangen. Baut er ein Gehäuse, das der einfachen strengen Linienführung des heutigen Möbels entspricht, so sieht es womöglich noch sperriger und ungeheuerlicher aus. Der schottische Künstler Mackintosh hatte einem Kunstfreunde ein Musikzimmer eingerichtet und es mit allen Finessen einer raffinierten Künstlerschaft ausgestattet. Als dekoratives Motiv dieses ganz in Weiß gehaltenen Raumes war eine symbolische Darstellung »der sieben Prinzessinnen«, aus Maeterlincks mystischem Märchenspiel verwendet. In einem wundersamen Linienklang kehrt dieses Motiv an allen Teilen wieder als Paneele, als Verkröpfung an den Holzteilen, am Kamin, an den hohen Stühlen, am Fenster, am Klavier. Alles ist Musik, sichtbare Musik in dem eigenartigen Raum, der in mattem Elfen beinweiß strahlt, darin da und dort färbige Stücke eingesetzt sind, die in ihrer dekorativen Linienfassung wie seltsame Märchenaugen aussehen und in dem toten, starren Material ein geheimnisvolles Leben erwecken, als ob draußen der leibhafte Prinz stünde und mit bangen, sehnlichen Blicken durch die Scheiben ins Gemach sähe, wo wie bleiche schöne Schatten die Prinzessinnen schlafen, wie der Wohllaut, der in den Saiten schläft, angstvoll gehütet, daß kein Mißton von draußen ihr zartes Leben mordet.