Fenster von Arch. Georg Winkler.
Tür mit Portière von Architekt
Max Benirschke, Düsseldorf.
Nun wird die Frage laut, was wir mit diesen verjährten Dingen, die so freundlich zu uns sprechen, anfangen sollen. Sie nachahmen? Das hieße ein altes Laster, das wir beim Haupttor hinaustreiben, durch ein Hinterpförtchen wieder hineinlassen und den Zirkel der Stilhetze mit diesem letzten Glied schließen. Wie von allem Vergangenen, trennt uns auch vom Biedermeier eine tiefe Kluft. Dennoch sind diese Dinge wertvoll durch das Beispiel, das sie lehren. Sie lehren, wie die Menschen von damals sichs bequem und gemütlich nach ihrer Art einrichteten, und solcherart zu Ausdrucksformen gelangten, die organisch aus dem Leben und seinen Forderungen hervorgegangen waren, vielleicht hie und da ein bischen unbeholfen und schwerfällig, im ganzen aber unbekümmert, treuherzig und bieder. Sie lehren, daß wir es auch so machen müssen. Der Lebende behält Recht. Viele Dinge sind konstruktiv so vollkommen, daß man sie fast unverändert aufnehmen könnte, wenn nicht unsere Zeit doch wieder ihre eigene Art hätte, sich auszuprägen. Was uns von Biedermeier trennt, sechzig, achtzig Jahre einer technischen, sozialen, wirtschaftlichen, künstlerischen Entwicklung müssen durchgreifende Veränderung des Lebensbildes herbeiführen. Schämen wir uns der Gegenwart nicht. Während vor dem Hause das Automobil, das Fahrrad, die elektrischen Bahnen vorbeirasen, können wir im Innern des Hauses, wo wir alle technischen Vorteile auszunützen suchen, vom Telephon bis zu den elektrischen Glühkörpern, nicht den historischen Biedermeier spielen. Das hieße, da wir uns eben altdeutsch gefühlt haben, eine Rolle mit der anderen vertauschen. Wohl aber können wir Biedermeier im modernsten Sinne sein, indem wir uns treu zu dem bekennen, was unserer Zeit gemäß ist, so wie es unsere Großväter für ihre Zeit getan haben. Dann wird sich von selbst ein gewisser verwandtschaftlicher Zug mit den vergangenen Dingen der Heimat herausstellen, wie denn überhaupt alles Echte, aus wirklichem Bedürfnis Herausgeborene, trotz großer zeitlicher Trennung verwandter ist, als man denkt. Denn immer ist der Mensch das Maß der Dinge. Auch die Motive aus alter Kultur wecken in unserem modernen Gefühl ein Echo.
Pfeiler von Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.
Pfeiler v. Arch. Max Benirschke,
Düsseldorf.
Nicht von oben her wird heute der Stil diktiert, sondern von unten her. Die heutigen Produktions-Verhältnisse, die Entwicklung der Technik, der Industrie haben die neuen sozialen Grundlagen geschaffen, aus denen die moderne Formensprache hervorgegangen ist. Welche Umwälzung hat z. B. das neue Beleuchtungswesen auf dem Gebiete der Metallindustrie hervorgerufen! Die Erfindung der Elektrizität allein hat zu Beleuchtungskörpern geführt, deren Formen aus keiner Tradition geholt werden konnten. So geht es auch mit den anderen Gebrauchsdingen. Das Auswachsen der Städte zu Weltstädten hat zu neuen, bis dahin nie gekannten Lebensformen geführt. Durch das Zusammendrängen so vieler Menschen an einem Ort und den dadurch bedingten raschen Austausch und Verbrauch der Güter, hat das Leben eine außerordentliche künstliche Steigerung erfahren und den Typus des Stadtmenschen verschärft. Aus diesen Verhältnissen ist eine spezifisch moderne Aufgabe erstanden, nämlich die: inmitten des rasselnden Getriebes der Fabriken, des Straßen- und Geschäftsverkehres den Zustand der Wohnlichkeit herzustellen, Räume zu schaffen, welche die Urbanität der Sitten und Lebensgewohnheiten verkörpern, und als friedliche Inseln inmitten des hastigen Welttreibens das Gefühl der Heimat wachhalten. In der Tat, die moderne Stadtwohnung ist unser jüngstes Problem. Früher kannte man es nicht. Denn wie wir oben gesehen haben, waren die Wohnungen der Bürger zuerst von den Ausstrahlungen des Hofes und des kirchlichen Hochgefühls bestimmt und später von den wechselnden allgemeinen Zeitideen des Kosmopolitismus, der Romantik und noch vor einem Jahrzehnt von der Renaissance-Illusion, vom Kultus der historischen Stile. Weltstädte im gegenwärtigen Sinne sind ein sehr junges Erzeugnis. Sie haben die Wohnungsfrage neu geschaffen. Der Kern dieser Frage ist Benützbarkeit, Zweckmäßigkeit, Bequemlichkeit. Dazu ist die Ausnützung aller modernen Hilfsmittel, aller technischen Errungenschaften Bedingung, die zu neuen Lösungen führt. Gerade die praktischen Forderungen des Lebens geben fruchtbare Anregungen zu neuen Schönheitsmöglichkeiten, die im Wesen der Dinge liegen. Auf diesem Wege gelangen wir zu dem lange gesuchten volkstümlichen Stil, welcher der Ausdruck unserer heutigen allgemeinen Lebensformen ist.