Die Arbeiterwohnung.
Auf meiner Suche nach einer wahren Volkskunst innerhalb der ausgestalteten Häuslichkeit stieg ich tiefer hinab zu jenen breiten Volksschichten, denen nicht um den Schein, sondern um das Sein zu tun sein muß, um die bloßen Kräfte, die in den Mauern, Bögen, Fenstern, Pfeilern, wirksam sind, also um den nackten Zweckbegriff, um das rohe Gerüst praktischer Schränke, Tische und Stühle, denen als einziger Schmuck die natürlichen Eigenschaften des Materials, die Struktur des Holzes etc. zugute kommen, zu jenen Volkskreisen also, die nicht Zeit und Geld haben, ihr Leben mit Schmuck und Tand herauszuputzen, sondern die auf das Gesunde, Primitive, Einfache losgehen. Dort dürften Anregungen und die Offenbarung einer wahren Volkskunst zu erwarten sein. Mit diesem Gedanken kehrte ich beim Kleinbürger ein, bei jenen besseren Handwerksleuten, die überhaupt Anspruch auf ein geordnetes Hauswesen erheben. Nichts von dem, was ich erwartete, habe ich dort gefunden. Alles wollte mehr scheinen, als es wirklich war, mit einem erborgten Schein über die grinsende Nacktheit und Armseligkeit der Wohnräume hinwegtäuschen. Bei Leuten war ich, die sich neu eingerichtet hatten. Kalt und hart standen ein paar Möbelstücke im Raum; fabriksmäßig schleuderhaft gearbeitete, vom Händler um schweres Geld gelieferte Betten, Tische und Stühle, in diesem oder jenem »Stil«, neuestens gibt es auch solche im »Sezessionsstile«. Der Stolz der Leute hing an ihnen, sie saßen in der Küche, um das einzige schöne Zimmer zu schonen und lauschten am Abend ängstlich auf das mörderische Krachen des zerlechzenden Holzes, wobei es ihnen jedesmal wie ein Dolchstoß durchs Herz fuhr. Die Ärmsten waren gewiß am schlimmsten daran; sie hatten am teuersten gekauft und konnten an ihrem Heim keine rechte Freude haben. Da lobe ich mir die ärmste Bauernhütte, wo man Blumen im Fensterrahmen stehen sieht. Hier offenbart sich wenigstens die Liebe zur Natur, welche gleichzeitig die Liebe zur Heimat und zum Heim ist und der eigentliche Anfang aller Kultur und Kunst. Mehr als aller Trödlerkram ladet ein solcher Raum den Gast zum behaglichen Verweilen ein, wenngleich seine Geräte, Tisch und Bank nur aus blankem Holze roh gezimmert wären.
Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.
Einfache Wohnung. Arch. Prof. Joseph Hoffmann.